Berlin : Künstlergruppe "Monogatari": Spione des Alltags

Lars von Törne

Wenn die Künstler der Gruppe "Monogatari" von ihrer Arbeit erzählen, klingt das ein wenig wie bei Schmetterlingsforschern: "Wir sammeln, sezieren, katalogisieren", sagt Zeichner Jens Harder. Kai Pfeiffer spricht vom "zoologischen Blick", mit dem er seine Umwelt betrachtet. Und Zeichnerin Ulli Lust sagt: "Wir erfassen, vergleichen und ordnen Dinge, die wir beobachten." Untersuchungsgegenstand der Gruppe sind Berlin und die Berliner. Ihre Instrumente: Stifte, Pinsel, Skizzenblock und Computer. Ihre Disziplin: Comic-Reportagen. Ein Zwischenergebnis dieser Arbeit haben die sechs jungen Kommunikationsdesigner jetzt in Buchform veröffentlicht.

Dessen Titel "Alltagsspionage" beschreibt, auf welche Weise sich die Weißenseer Kunststudenten ihren Themen genähert haben: Als stille Beobachter, die in ihren Bildergeschichten einen analytischen, subjektiven Blick auf das tägliche Leben in Berlin werfen. Und dabei die Aufmerksamkeit auf Details lenken, die auch altbekannte oder scheinbar öde Orte spannend machen.

So wie das Weddinger Gesundbrunnencenter. Drei Wochen lang hat die aus Österreich stammende Ulli Lust dort täglich Eindrücke gesammelt, gezeichnet, Menschen beobachtet und die zufällig miterlebten Szenen zu einer Reportage montiert. Dabei sind ihr realistische, teilweise anrührende Momentaufnahmen gelungen. So wie Betrachtung einer gelangweilten Boutique-Verkäuferin, die aus Mangel an Kundschaft die Zeit damit totschlägt, ihre eigenen Blusen anzuprobieren.

Ähnlich authentisch: Jens Harder mit seinem gezeichneten Vergleich einer Armenspeisung, einer Studentenkneipe und eines Edelrestaurants. Wochenlang ist der 31-Jährige immer wieder in die Evangelische Kirchengemeinde am Lietzensee, die Szene-Kneipe "Aufsturz" und das "Aigner" am Gendarmenmarkt gepilgert, hat sich mit seinem Block in eine Ecke gesetzt und die Menschen beobachtet. Daheim am Zeichentisch hat er seine Skizzen und Betrachtungen dramaturgisch geordnet. Herausgekommen ist eine bemerkenswert dichte Alltagsstudie aus dem "Neuen Berlin".

Der Name der Gruppe ist Programm. Monogatari steht im Japanischen für Geschichten erzählen, erklärt Ulli Lust. "Wir wollen mit unseren Bildern Inhalte vermitteln", beschreibt sie eines der Motive der Comic-Reporter. Als Grafiker seien sie oft genug nur für Illustrationen und Verzierungen zuständig, ohne einen Einfluss auf die Inhalte zu haben, sagt sie. Deswegen haben die Sechs sich vor zwei Jahren zusammengeschlossen, Stichwort: Synergieeffekt. Seitdem haben sie in wechselnden Kooperationen einige Büchlein im Selbstverlag herausgebracht sowie mehrere Bilderserien in der Kiez-Zeitschrift "Scheinschlag" veröffentlicht. Auch haben sie eine sehr hübsch gestaltete, interaktive Website im Internet.

Mit dem jetzt veröffentlichten Buch wollen die Monogatari-Mitglieder einer größeren Zielgruppe zeigen, dass die bisher in Deutschland kaum etablierte Comic-Reportage eine ernstzunehmende Ausdrucksform neben dem klassischen Text- und Foto-Journalismus sein kann. So wie es zum Beispiel der US-amerikanische Comic-Journalist Joe Sacco mit seinen Reportagen aus Palästina und Bosnien vorgeführt habe. Für Monogatari darf es thematisch allerdings ruhig eine Nummer kleiner sein: "Wieso gibt es in den Berliner Zeitungen statt der immer gleichen Fotos nicht mal eine gezeichnete Reportage über die Grüne Woche?", fragt Jens Harder. Ja, wieso denn eigentlich nicht?

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