Berlin : Künstlerzeitschrift "01": Eine Bunte für Ästheten

Oliver Heilwagen

Die Zeitschrift ist ein Massenmedium: ihre Texte und Bilder sollen einen möglichst großen Leserkreis erreichen. Damit sie erschwinglich bleibt, wird ihre Herstellung überwiegend durch Anzeigenerlöse finanziert, ohne die ein aufwendig gedrucktes Hochglanzagazin einen dreistelligen Betrag pro Heft kosten würden. Jeder Chefredakteur, der nicht alles daran setzte, die Auflage zu steigern, wäre bald seinen Job los.

Nichts davon trifft auf die Künstlerzeitschrift "01" zu: Sie ist elitär, frei von Werbung und daher extrem teuer. Herausgeber Manuel Bonik betrachtet sein Produkt als eigenständiges Format: "Für mich ist die Zeitschrift eine Kunstgattung wie Ölmalerei, Installationen, Videos und dergleichen. Sie ist das ideale Medium, um möglichst viel Substanz unterzubringen." Die eben erschienene Ausgabe Nummer fünf, die sich dem Thema "Kunst und Mode" widmet, ist auf 100 Stück limitiert. Das würde gerade ausreichen, um jeden der 100 beteiligten Künstler und Kuratoren mit einem Belegexemplar zu versorgen. So viel Exklusivität hat ihren Preis: 2500 Mark muss hinblättern, wer ein Exemplar von "01 No 5" sein eigen nennen möchte. Dafür erhält er ein "Multiple", das mit einer Illustrierten vom Kiosk kaum verwechselt werden kann: Die Seiten aus festem Karton sind weder gebunden noch geheftet.

Der Hooligan als Dandy

Ausgeliefert wird das lose Blattkonvolut in einer dicken Plastikhülle mit kleinem Reissverschluss. Als Dreingaben befinden sich in der Verpackung ein T-Shirt bedruckt mit Sprüchen des Leiters des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie, Peter Weibel, sowie das Objekt "Heart-Ware": Dessen Motiv sind Trainingsanzughosen in Herzform, die Birgit Dieker fotografiert hat. Wer sich angesichts der Kombination Heft plus Scherzartikel an das unlängst eingestellte "Yps mit Gimmick" erinnert fühlt, hat die Dialektik der Darreichungsform nicht verstanden. "Zwar ist die Kunst wie Spielzeug für einen Kindergeburtstag eingetütet, doch wenn man an ihren Inhalt herankommen will, muss man das Kunstwerk zerstören", betont die Mitherausgeberin Undine Goldberg: "Wir machen Haute Couture. Die Textbeiträge kann man später im Internet nachlesen. Das ist die Volksausgabe, sozusagen Prêt-à-porter." Aber auch das Original bezeichnet Manuel Bonik als preiswert: Die Zeitschrift richte sich vorrangig an Museen und Sammler. Dieser Kundenkreis zahle für jede der Seiten, die allesamt von Künstlern gestaltet wurden, rund 25 Mark: Billiger sei Kunst kaum zu haben. Es sei denn, man greift zur Gesamtausgabe der vier zuvor erschienenen Nummern von "01": Die insgesamt 1600 Seiten werden für nur 1200 Mark abgegeben.

Weniger Betuchte können jedoch den Inhalt der aktuellen Ausgabe kostenlos kennen lernen, indem sie die Galerie Pictureshow in Mitte aufsuchen. Bei freiem Eintritt sind dort die einzelnen Seiten zu sehen: In Acryl gerahmt, baumeln sie von der Decke.

Unter den Teilnehmern finden sich bekannte Namen, etwa die Videokünstlerin Pippilotti Rist oder Franz Ackermann, der kürzlich in der "Z 2000"-Schau der Akademie der Künste eine nachgebaute Wohnzelle der Nazi-Feriensiedlung Prora auf Rügen zeigte. Für "01" hat er sich die Haare orange gefärbt, die mit Vereinsemblemen bestickte Kutte eines Fußballfans angezogen und posiert nun als Designer-Hooligan. Andreas Hofer fotografiert eine Jacke, die er aus Seiten kommerzieller Modezeitschriften zusammengenäht hat. Sie dienten auch Rémy Markowitsch als Vorlage für seine Langzeit-Belichtungen: Auf denen lässt er den Wind in den Heften blättern, so dass nur noch Schemen übrig bleiben. Gut entzifferbares Lesefutter bieten dagegen Texte und Interviews von und mit Sylvie Fleury, dem Berliner Publizisten Thomas Kapielski, dessen Wortschöpfung "gaskammervoll" einst für einen Aufstand in der taz-Redaktion sorgte, sowie dem Schweizer Tausendsassa Dieter Meier, der sein Geld schon als Pokerspieler, Golfprofi und Sänger des Synthiepop-Duos "Yello" verdiente.

In dieser eklektischen Zusammenstellung entdeckt die Galeriebesitzerin Beate Wedekind, die sich als ehemalige Chefredakteurin von "Elle" und "Bunte" in der Welt von Fashion und Glamour bestens auskennt, dennoch einen roten Faden: "Erotik spielt nicht die übergeordnete Rolle wie sonst in der Mode. Die Künstler beschäftigen sich eher mit der Individualität des Menschen und dem Genre der Modereklame." Deren Ästhetik des schönen Scheins kritisiert am deutlichsten Thomas Hirschhorn. Er lässt die Models von Calvin-Klein-Inseraten in aufgemalten Sprechblasen "Haben Sie schon einmal an Selbstmord gedacht?" fragen oder "Nieder mit der Mode!" ausrufen. Jede dieser Kampfansagen an den Konsumismus kostet übrigens - inklusive Acrylrahmen, Kupferkette und Echtheitszertifikat - 300 Mark. Solange der Absatz gesichert ist, kann man in der Tat auf marktschreierische Effekte verzichten.

Marke ohne Kollektion

Wenn nur die Präsentation stimmt: Zeitgleich zur "Kunst und Mode"-Schau lancieren Bonik und Goldberg ihr eigenes Label "Millefleurs.org". Und zwar in bester Geschäftslage: Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße. In den Schaufenstern des Maison de France werden Beiträge französischer Künstler ausgestellt. Damit niemand sie aber mit Sonderangeboten verwechselt, sind die Vitrinen mit Tüchern verhängt. Kleine Gucklöcher erlauben einen Einblick.

Eine ähnlich zwielichtige Erscheinung ist auch das Label "Millefleurs.org" selbst: Diese "parasitäre" Marke existiert nur als Logo, das man an beliebige Kleidungsstücke heften kann. Folglich können die beiden Couturiers jeden Trend mitmachen, ohne eine einzige Kollektion entwerfen zu müssen: Darin besteht die Kunst, Kunst und Mode miteinander zu verbinden.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben