Berlin : Küsse und Prügel

Alexandra L. war glücklich mit ihrem Freund. Bis er zuschlug. An Trennung dachte sie lange nicht. Ich liebte ihn, sagt sie

Tanja Buntrock

Die lauen Nächte, diese Schmetterlinge im Bauch – Alexandra L. (Name geändert) war einfach nur glücklich. Das war vor anderthalb Jahren, da hatte sie ihn gerade kennen gelernt hatte: Halet L., ihren libanesischen Freund. Schon nach kurzer Zeit waren sie ein Paar. „Er hat mich auf Händen getragen“, sagt Alexandra L. Und sie hat sich geborgen gefühlt in den kräftigen, starken Armen dieses Mannes. Dass er mit diesen kräftigen Armen sie nur wenige Monate später prügelt und ihr die Kehle zudrückt, wie konnte sie das ahnen?

Alexandra L. hält inne. Immer noch leuchten ihre Augen, wenn sie von der schönen Zeit mit Halet spricht. Obwohl diese anderthalb Jahre ein Martyrium waren. Vor wenigen Tagen hat sie sich von ihm getrennt. Was bleibt, ist ein Würgemal und die Erinnerung. Die Studentin ist eines der vielen Opfer häuslicher Gewalt. 13000 Fälle wurden insgesamt in 2003 angezeigt (siehe oben).

Alexandra L. war vernarrt in ihren Freund und in seine kleine Tochter, die seit der Scheidung von seiner Frau bei ihm lebte. „Es war unsere kleine Familie, mein Nest“, schwärmt die Studentin. Doch nach einigen Monaten wird Halet mürrisch, wenn seine Freundin abends mit Freundinnen ausgehen will. Sie fühlt sich hin- und hergerissen. Aber um die Harmonie nicht zu gefährden, richtet sie ihre Verabredungen so ein, dass sie spätestens um 22 Uhr zu Hause ist.

Im Herbst schlägt Halet zu. Alexandra L. ist mit einer Freundin auf einer Party verabredet. Als sie im Treppenhaus die Stufen hinuntergeht, hört sie, wie er hinterher gerannt kommt. Im Hausflur greift er ihr an den Hals, drückt sie gegen die Wand, schlägt ihr ins Gesicht und ruft „Schlampe“. Danach kann sie sich nur noch daran erinnern, dass sie vor der Hofeinfahrt liegt und er auf sie eintritt. Immer wieder. „Das war fürchterlich, weil ich dachte, ich liege doch schon am Boden, warum hört er nicht auf?“

Alexandra L. ist so geschockt, dass sie nicht klar denken kann. Als er von ihr ablässt, rennt sie davon. Zur Party. „Eigentlich wusste ich, dass ich Schluss machen musste. Aber ich konnte nicht. Ich wollte mir das alles nicht kaputt machen lassen.“ Nach einigen Stunden steht sie vor seiner Wohnung. Halet macht, was er später noch häufiger macht, wenn er seine Freundin verprügelt hat: Er kocht für sie, lädt sie ein, sie kann sich wie eine „kleine Königin“ fühlen. Bis der nächste Ausbruch kommt. Und der kommt alle paar Wochen. Irgendeine Kleinigkeit, eine Verabredung, die ihm nicht gefällt, und Halet würgt sie, schlägt sie, beschimpft sie. Er haut ihr seine Schuhe auf den Kopf oder den Telefonhörer.

Alexandra L. schämt sich. Und dennoch: Sie redet mit ihren Freundinnen. „Aber ich habe nie alles erzählt. Weil ich mich nicht traute. Ich wusste ja: Trotz allem liebe ich ihn so sehr, dass ich ihn nicht verlassen will“, sagt sie. Ihre Eltern bekommen etwas mit. „Die haben sich um mich gesorgt. Wollten, dass ich ihn verlasse. Aber sie konnten auch nichts tun“, sagt Alexandra L.

Eigentlich, sagt sie heute, hätte ihr gleich klar sein müssen, dass es mit diesem Mann schwierig wird. Sie war für ein paar Tage verreist, als sie sich gerade kennen gelernt hatten. „Da hat er in meiner Foto-Kiste herumgewühlt und alle Fotos, auf denen Männer waren, weggeschmissen“, erzählt sie. Aber sie ist bei ihm geblieben. „Weil ich ihn liebte. Und weil ich festhalten wollte an unserer Verbindung: gerade weil er Araber war und ich Deutsche. Das sollte klappen“, sagt sie.

Blutig habe er sie nie geschlagen, sagt Alexandra L., aber Würgemale waren am Hals zu sehen. Besonders nach dem Wutausbruch im vergangenen November. Da hat er ihr seinen Gürtel um den Hals gelegt hat. „Er hat nicht ganz doll zugedrückt, aber immerhin so, dass ich totale Panik bekam“, sagt sie.

Bereits zweimal hatte sie zuvor schon bei der BIG-Hotline, der Notruf-Telefonnummer des Vereins „Berliner Initiative gegen Gewalt gegen Frauen (BIG)“ angerufen. „Ich wollte einfach nur jemanden, der mich versteht.“ Die Mitarbeiterin bei BIG rät Alexandra L. auch beim dritten Mal, zur Polizei zu gehen und ihren Freund anzuzeigen. „Aber ich habe immer irgendwann aufgelegt, weil irgendwas in mir war, dass noch nicht bereit war“, sagt sie. Doch immer, wenn sie mehrere Tage alleine ist, ganz für sich, dann kommt die Wut hoch. Und als ihr Freund vor wenigen Tagen nach einem Sauna-Besuch die Fernbedienung auf den Kopf haut und sie schlägt, so dass ihr jetzt noch der Brustkorb weh tut, ist Alexandra L. zur Polizei gegangen.

Zwar bettelte ihr Freund, dass sie die Anzeige zurückziehen möge. Aber bei der Polizei wurde schon vor Jahren festgelegt, dass dies nicht mehr geht. Weil das ein Delikt öffentlichen Interesses ist und somit angezeigt werden muss. „Gott sei Dank, denn wahrscheinlich hätte ich mich überreden lassen.“

Seit einigen Tagen ist Alexandra L. nun von ihrem Freund getrennt. Sie lebt wieder in ihrem WG-Zimmer, trifft sich viel mit Freunden, um sich abzulenken. Aber vor allem helfen ihr die Termin in der Frauenberatung „Tara“, wohin die BIG-Berater sie empfohlen haben. Über jeden Tag, den sie es schafft, nicht wieder weich zu werden, ist Alexandra L. glücklich. Und dennoch: Die Angst, dass Halet plötzlich irgendwo im Dunklen steht, bleibt.

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