Berlin : Kuhdorf und Schmelztiegel

Drei aus einem Bezirk: Zwei Landwirte und eine Sängerin zeigen, wie gegensätzlich es hier zugeht. Die Brüder Mendler leben zwischen Weiden und Koppeln, Kathrin Unger mitten im Multikulti-Kiez

Sven Goldmann

Eigentlich müssten die Anwohner der Lettberger Straße den Brüdern Mendler eine Provision zahlen. Wenn sie morgens auf den Balkon treten, blicken sie auf eine Pferdekoppel, weiter hinten grasen Kühe und meckern Ziegen. Die Makler hier preisen ihre Wohnungen schon mal als Leben am Bauernhof an. An der Einfahrt zum Hof steht: „Soll Dir ein hohes Alter winken, musst Du täglich Milch von Mendler trinken!“ Das ist nicht von Goethe und offenbart doch ungeahnte Qualität. Der Milchhof Mendler liegt am südlichen Rand von Rudow, im Bezirk Neukölln. Und da erwartet man so ziemlich alles, aber keinen Bauernhof.

Die Tür steht allen offen, im Hofladen gibt es den Liter Milch für 80 Cent direkt vom Erzeuger. „Früher haben wir noch Führungen gemacht, aber dafür haben wir keine Zeit mehr“, sagt Georg Mendler. „Manchmal sind drei Schulklassen gleichzeitig hier.“ Georg Mendler und sein Bruder Joachim bewirtschaften den Hof seit 1982, als sie ihren Molkereibetrieb auf einem Hinterhof in der Schöneberger Steinmetzstraße aufgeben mussten. Als Ausgleich wurden ihnen mehrere Grundstücke angeboten, das in Rudow gefiel ihnen am besten. Nach der Wende pachteten sie zusätzliche Flächen im Land Brandenburg. 65 Hektar bewirtschaften sie jetzt: Weiden für die Kühe, Koppeln für die Pferde, vor zwei Jahren haben sie eine Reithalle gebaut. Auf den Feldern wächst Mais und Gras zum Füttern der Tiere.

Doch die Zeiten sind nicht gut für Landwirte. „Die Preise für unsere Produkte sinken“, sagt Georg Mendler. Er ist 54, sein Bruder drei Jahre jünger. Als einziger Nachkomme steht zurzeit Georgs Sohn Tobias bereit. Er ist 13 und zeigt im Augenblick wenig Neigung, den Betrieb einmal fortzuführen. „Wir werden ihn nicht zwingen“, sagt der Vater. „Bauer wird man nicht so einfach, dazu müssen Sie geboren sein.“ Der Alltag ist hart, er beginnt morgens um 4 Uhr und endet abends um sieben. Nach getaner Arbeit setzt sich Joachim Mendler auf die Bank vor der Weide, wo die Kühe mit Familienanschluss grasen, Dorit, Elsa und Evi mit dem weißen Kopf. „Wenn Sie da fünf Minuten lang sitzen, die Landluft einatmen und in die Ferne schauen … Also, ich kann es mir nicht mehr vorstellen, zurück in die Stadt zu ziehen.“

Am 1. Oktober ist Erntedankfest bei Mendlers, mit Ponyreiten, Treckerfahren und Gottesdienst, halb Neukölln wird zu Gast sein. Richard von Weizsäcker war schon zu Besuch auf dem Milchhof , auch die Herren Wowereit und Pflüger haben im Wahlkampf vorbeigeschaut. Einmal rief ein hoher Senatsbeamter an und erzählte von dem chinesischen Staatssekretär, der sich unbedingt einen landwirtschaftlichen Betrieb anschauen wolle, ob er nicht mal kurz vorbeischauen könne, aus Sicherheitsgründen dürfe aber nichts an die Öffentlichkeit gelangen. Der Chinese hat hübsche Schriftzeichen ins Gästebuch gemalt und ein Dolmetscher daneben vermerkt, wie gut es dem hohen Gast gefallen habe.

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