Kult-Olympia : Hipster sind immer die anderen

Das Hipster-Dasein als Wettkampf: Trendgetränk-Kistenhüpfen und Bubble-Tea-Perlen-Tauchen. Die Kult-Olympiade ist nur mit einer gehörigen Portion Ironie zu gewinnen.

von
Die Königsdisziplin: Der Schnauzer. Hipsterinnen müssen da improvisierenWeitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
21.07.2012 18:35Die Königsdisziplin: Der Schnauzer. Hipsterinnen müssen da improvisieren

Julian hat sich eine 3-D-Brille aufgesetzt, aus der er die Gläser entfernt hat, und sich in die Röhrenjeans eines Freundes gezwängt. Wie er sich fühlt? „Geil“, sagt der 25-Jährige aus Prenzlauer Berg. Er folgt den gedruckten Schnauzbärten auf Aufklebern auf dem Boden, die zum Eingang weisen. Die richtige Attitüde hat er damit schon. Julian ist Mitglied der „Berlin Flipsters“, einem der zwölf Teams der zweiten Berliner Hipster Olympiade. Am Sonnabend sollte auf dem Gelände des Postbahnhofs in Friedrichshain der „Hipster des Jahres 2012“ gekürt werden. Als Vertreter dieser Mode- und Lifestyle-Bewegung mussten sich die Teilnehmer wieder im Hornbrillen-Weitwurf und im Röhrenjeans-Tauziehen bewähren, dieses Jahr kamen neue Disziplinen wie Bubble-Tea-Perlen-Tauchen hinzu: Mit Extra-Large-Strohhalmen wurden Gummibärchen aus den Getränken gefischt.

Die Organisatoren vom Online-Magazin Kultmucke sehen das Hipster-Dasein als Wettkampf: Wer hat das tiefere Männerdekolleté, wer das lächerlichere Trucker-Käppi? Was sie damit aufgreifen, ist das bewährteste Instrument des Hipsters: Ironie. Gerade sie macht den Hipster so unangreifbar. Mit Ironie konnte er sich eine Zeit lang sogar Gameboys um den Hals hängen und blieb trotzdem cool. Ihm werden Youtube-Videos, Blogs, Bücher und an der Universität in Greifswald sogar ein Hauptseminar gewidmet. Dabei ist der Hipster der Letzte, der sich selbst so nennen würde. Dank seines ironischen Gebarens kann er sich sogar bei der Olympiade blicken lassen.

Die Bilder der Hipster-Olympiade 2012:

Hipster-Olympiade-2012
Die Königsdisziplin: Der Schnauzer. Hipsterinnen müssen da improvisierenWeitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: dapd
21.07.2012 18:35Die Königsdisziplin: Der Schnauzer. Hipsterinnen müssen da improvisieren

Thomas Blockus trägt V-Ausschnitt, daran baumelt eine Ray-Ban-Sonnenbrille. Der 27-Jährige mit den ausrasierten Schläfen könnte ein echter Hipster sein, dabei gehört er als Erfinder der Olympiade eher zu dessen Kritikern. Im vergangenen Jahr beschwerte er sich noch, Hipster beschäftigten sich lieber mit ihrem iPhone als den Berliner Wahlen. Heute ist er nicht mehr sicher, ob das nicht der Trend einer ganzen Generation ist. „Dieses Jahr sagen wir: Vielleicht sind Hipster gar nicht so schlimm.“

Selbst einer sein, das will trotzdem keiner. In New York haben Künstler Hipster-Fallen aufgestellt, mit Plastiksonnenbrille und Kultgetränk als Köder. Verzweifelte Berliner Kneipeninhaber behalfen sich sogar schon mit Hipster-Hausverbot. Doch so lange es Stadtteile gibt, die als Geheimtipp gelten, bleibt der Hipster Berlin treu. Er weiß immer, wo wann die coolste Party und Vernissage ist. Früher musste man dazu noch die richtigen Leute kennen. Der Hipster hat oft die richtigen Blogs und Newsletter abonniert. Moritz und Ben, beide 13, aus Lichterfelde wollen sich was vom Hipster-Stil abgucken, „vielleicht findet man im Laden etwas Ähnliches“, sagt Moritz. Mit seinem tiefen Ausschnitt, den Röhrenjeans und dem Club Mate in der Hand ist er auf dem richtigen Weg. Oberflächlich findet Moritz die Hipster nicht. „Die haben doch eine Botschaft: Wir sind cool.“ Eine Gruppe aus Mannheim ist über’s Wochenende in Berlin. Die jungen Männer sind beachtlich mit Hipster-Utensilien ausgestattet. Auf die Frage, ob unter ihnen ein echter Hipster ist, recken sich viele Arme. Doch nicht in die Höhe, sondern auf die Freunde. Hipster, das sind immer nur die anderen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben