Berlin : Kultur-Schippern

90 Tagesspiegel-Leser fuhren mit der „Blue Star“ und Dichterworten auf der Spree bis Köpenick

Jeannette Krauth

Die „Blue Star“ tuckert los, und der erste Blick fällt auf die Niederländische Botschaft. Deren Glasfenster glitzern in der Sonne, pünktlich zum Start am Märkischen Ufer in Mitte hat der Wind die Wolken fortgeschoben. Über drei Stunden Schifffahrt liegen vor den 90 Tagesspiegel-Lesern an Bord. Sie erleben die erste von sieben literarischen Dampfertouren durch Berlin, die wir begleitend zur neuen Serie „Wasserwege“ organisiert haben.

Schauspieler Paul Sonderegger liest Texte von Tucholsky, Zuckmayer, Mascha Kaléko und anderen Dichtern, die sich von Berlins Wasserseite inspirieren ließen. Saxophonist Andreas Zach und Stadtführerin Rose Knarr sind dabei. Fahrtwind weht die Haare aus dem Gesicht, Kellner eilen übers Deck, die Sonne lässt das Bier auf den Tabletts golden leuchten. Genau so soll ein Sommerabend sein – und das Wetter zur Wasserserie.

Rose Knarr weiß von den Geschichten hinter den Bauwerken: Etwa, dass der Geschäftsmann Jannowitz die nach ihm benannte Brücke in Mitte 1822 auch durch das Erbe seiner viel älteren Gemahlin bezahlen konnte. Einfahrt in die Rummelsburger Bucht. Zur neuen Wasserstadt fährt kaum ein anderes Ausflugschiff. Vor den Neubauten mit vielen Balkonen wartet noch die ehemalige Palmölfabrik, ein Backsteinbau, auf neue Bewohner. Weiter schippert die Blue Star an der Liebesinsel im Treptower Park vorbei, dort, wo Paare zu Tode kommen, glaubt man Theodor Fontanes Lizzi aus dem „Stechlin“, wie Paul Sonderegger liest.

Der Saxophonist geht durch die Reihen, spielt „Summertime“. Berlin lässt einen aber nicht lange in süßen Gedanken dösen: Neben den Firmen Samsung und Lacufa brauchen am Ufer in Ober- und Niederschöneweide noch viele brach liegende Fabrikgebäude gute Ideen und Investoren für ihre Zukunft. Mascha Kalékos „Heimwärts, nach Abendschluss“ erinnert an Zeiten, in denen hier noch emsig gearbeitet wurde. Vereinzelt sind in den Hallen Künstlerateliers entstanden.

Und dann, unvermittelt am Ufer gegenüber: Ein Haus, ein Garten, Menschen genießen auf ihrem Steg die Abendsonne. Nach zwei Stunden Fahrt erreichen wir Köpenick. Es galt ehemals als Berliner Waschküche, weil es hier ideale Bedingungen gab: Wasser und die Spreewiesen, die zum Bleichen, Färben und Trocknen geeignet waren. Heute kaum vorstellbar, das Ufer Köpenicks ist gesäumt von terrassenförmig angelegten Häusern, riesigen Bäumen. Wer waren die Wäscherinnen?

Kurt Tucholsky weiß es, er kannte die Berlinerin aus dieser Epoche. „Mädchen, kein Casanova / hätte dir je imponiert/ Glaubst du vielleicht, was ein doofer/Schwärmer von dir fantasiert?/Sänge mit wogenden Nüstern/Romeo, liebesbesiegt,/würdest du leise flüstern:/„Woll mit die Pauke jepiekt -?“ heißt es in „An die Berlinerin“. Den Sturkopf der heutigen Hauptstädterin muss man später an Land erkunden.

Wegen des Ansturms auf unsere Schiffstouren bieten wir noch eine Zusatzfahrt am Freitag, 8. Juli, ab 18.30 Uhr an. Dabei lernen Sie unsere zweite literarische Strecke kennen: Sie führt auf Spree und Landwehrkanal durch die City. Anmeldung: heute 14-20 Uhr, Tel.: 26009-689. 15 Euro p.P.. Außerdem können Sie über Rose Knarr weitere Literarische Schiffstouren buchen. Tel.: 7824588, www.entlangspaziert.de.

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