Berlin : Kultur-Tipps: Jörg Königsdorf über junge Klassiker und alte Löwen

Aus der Serie "Sotto voce"

Schon jetzt steht fest: Das Europäische Jugendorchester-Festival ist ein durchschlagender Erfolg beim Publikum. Nicht nur wegen der Platzauslastung von durchschnittlich 75 Prozent, die selbst die kühnsten Träume der Veranstalter übertrifft, sondern auch wegen der Stimmung: Selbst die Erstaufführungen, die Teil jeden Programms sind, werden frenetisch gefeiert, und bei Webern und Schönberg, die in den normalen Abo-Konzerten meist nur müden Höflichkeitsapplaus hervorrufen, kommt Partystimmung auf. Auch wenn die Jubelorgien zum Teil natürlich patriotisch begründet sind - Ehrensache, dass in Berlin lebende Schotten oder Österreicher ihre Orchester unterstützen -, ist das bisherige musikalische Niveau der Konzerte tatsächlich jubelwürdig. Und zwar nicht nur bei den Highlights mit Dirigierstars wie Pierre Boulez oder Yakov Kreizberg, sondern auch bei den unauffälligeren Konzerten. Die Konzerte zu Dumping-Preisen sind die beste Klassik- und Berlin-Werbung und zeigen zugleich, dass auch im Urlaubsmonat August genug Kulturhungrige in der Stadt sind, um die Konzertsäle zu füllen (zu den Konzerten von Kreizberg und Boulez kamen immerhin jeweils 2200 Besucher). Der Wunsch, die Young Euro Classics künftig jedes Jahr zu veranstalten, ist da nur natürlich, auch wenn die Veranstalter und Sponsoren ihre Entscheidung erst gegen Ende des Festivals bekanntgeben wollen.

Für die osteuropäischen Jugendorchester ist es besonders wichtig, in Berlin dabei zu sein - Die Tschechen nehmen dafür auch die Strapaze auf sich, am gleichen Tag mit dem Bus hin- und nach dem Konzert wieder zurückzureisen. Im Gepäck haben sie neben der ersten Sinfonie ihres Dirigenten Ondrej Kukal Werke von Janàcek und Martinu - ein Konzert, das kein Fan tschechischer Musik versäumen sollte (heute, Konzerthaus).

Bei soviel internationalem Angebot besteht freilich die Gefahr, dass potenzielle Besucher am ehesten auf das Konzert des einheimischen RIAS-Jugendorchesters im Konzerthaus verzichten. Um dem vorzubeugen, haben die Musiker sich für die Uraufführung von Hans-Jürgen von Boses zweitem Violinkonzert einen erstklassigen Solisten engagiert, der allein schon für ein volles Haus sorgen sollte: Thomas Zehetmair ist längst als einer der größten Geiger seiner Generation anerkannt, sein letztes Berliner Konzert mit dem Orchester der Komischen Oper riss Kritik und Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Vielleicht noch spannender ist der Dirigent des Abends : Der junge Österreicher Christian Arming wird zusammen mit dem Briten Daniel Harding und dem Niederländer Lawrence Renes als Spitzentalent unter den Taktstocktwens gehandelt und hat in der vergangenen Saison in Berlin schon das Deutsche Symphonie-Orchester dirigiert. Mit dem RIAS-Orchester hat er zum Glück erheblich mehr Probenzeit (und vermutlich motiviertere Musiker) zur Verfügung - und sie hoffentlich auch für Bartoks "Konzert für Orchester", das Bravourstück des Abends, auch genutzt (12. 8.).

Auch das Norwegische Jugendsinfonieorchester Ungdomssymfonikerne kann bei seinem Konzert am Dienstag vermutlich noch Unterstützung gebrauchen - die Zahl norwegischer Schlachtenbummler, die ihr Orchester unterstützen, dürfte sich in überschaubaren Grenzen halten (größere Länder wie Frankreich oder Spanien haben es da leichter...). Dabei gehört Norwegen zu den Ländern, die einen regelrechten Klassik-Boom erleben - inzwischen hat das Land von Trondheim bis Bergen mehrere gute Orchester, für die das Jugendsinfonieorchester den Musikernachschub sichert. Aber da die wohl kaum nach Berlin kommen werden, bleibt sowieso nichts anderes, als zur Ungdomssymfonikerne zu gehen.

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