Berlin : Kultur-Tipps: Über das letzte Jahr vor dem Aufräumen

Jörg Königsdorf

Alle, die in diesem Sommer den Fortsetzungskrimi um die Berliner Opernhäuser mitverfolgt haben, sind sich vermutlich des Ernstes der anbrechenden Saison bewusst: Dieses Opernjahr ist vermutlich das letzte, in dem man den vertrauten altwestberliner Opernmuff noch genießen kann - bevor das große Aufräumen beginnt. An der Deutschen Oper hat Udo Zimmermann bereits angekündigt, dass er das Repertoire gnadenlos durchforsten werde. Oh je! Ab in den Schredder mit dem Pappmaché-Andalusien der "Carmen", der Engelsburg-Brüstung aus Boleslaw Barlogs "Tosca" und dem ganzen berlinernden Spielopern-Nippes von Winfried Bauernfeindt! Ab zur nächsten AIDS-Benefiz-Versteigerung mit den schönen Aida-Lendenschurzen, zurück ins Theatermuseum mit den "Gioconda"-Postkartenprospekten! Schon jetzt ist absehbar, dass bei jeder "letzten Fahrt" heiße Tränen etlicher Opernfans fließen werden, weil mit den Kulissen nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern auch die letzten Reste des naturalistischen Musiktheaters alten Stils dahingehen. Zum Saisonstart zeigt sich die Deutsche Oper allerdings erstmal von ihrer moderneren Seite. Mit Georges Enescus "Oedipe" war Götz Friedrich 1996 einer seiner letzten unumstrittenen Erfolge gelungen. In der Umfrage der "Opernwelt" wählten Deutschlands Musikkritiker die Aufführung zur "Ausgrabung des Jahres" - seither war der "Oedipe" leider nur selten zu sehen. Vielleicht ist nach Zimmermanns Aufräumaktion mehr Platz für solche Stücke. Allein dafür hätte sie sich schon gelohnt (10. 12., 15. 9.).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben