Berlin : Kultur-Tipps: Über große Erwartungen und kleine Unterschiede

Bruno Preisendörfer

Tatsächlich, ich habe ihn nicht, den "Kleinen Unterschied", also, das heißt, ich habe ihn natürlich doch, aber nicht in der Bibliothek. Ein Vierteljahrhundert ist er jetzt alt, "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen", der sein Coming Out im August 1975 bei S. Fischer hatte. Inzwischen hat er sich richtig gemausert, nicht nur im Beauftragtenwesen, das manchmal leider immer noch notwendig ist, sondern auch bei den Gender Studies, auf deren Mainstream inzwischen so manches akademische Linienschiff mitschwimmt. Von dem, was in der sogenannten "Frauenliteratur" an Stapelware ausgeheckt wird, will ich erst gar nicht reden. Aus dem Märchenprinz - wie alt ist der eigentlich ? - ist längst der Machiavelli für Frauen geworden. Gemessen daran hat Alice Schwarzers Buch wirklich das Ansehen eines Klassikers verdient, genau wie sie selbst als Person, die aus dem bundesdeutschen Talkshow-Wesen nicht mehr wegzudenken ist.

Schade übrigens, dass Charles Bukowski erst in der nächsten Kolumne 80 wird. Die Schwarzer und den Schweinepriester in einem Atemzug zu würdigen, dass wäre eine feine Sache gewesen. Raten Sie mal, wo dieser Satz steht: "Durch den hypothetischen Erzählstil ergibt sich jedoch wie im Falle der Schuldbehauptung die Möglichkeit, nicht Existierendes oder Unsichtbares zu evozieren." Er steht in einer sogenannten "Lektürehilfe" über Kafkas "Prozess", die im Klett Verlag erschienen ist und sich an Schüler der Oberstufe wendet.

Bücher dieser Art und ein Deutschunterricht, der sich solcher Schulbücher bedient, sind ein Verbrechen an der Literatur und an den kommenden Lesergenerationen. Es ist mir ein Rätsel - und ich will gern zugeben, dass mir bei solchen Rätseln der Kamm schwillt - wie man solchen halbverdauten germanistischen Quatsch auf unschuldige junge Leute loslassen kann. Als ob die Aufgabe des Deutschunterrichts darin bestünde, den Zugang zur Literatur zu VERHINDERN, anstatt aufzuschließen. Es sieht ganz danach aus, als ob den Jungen die Lust am Lesen nicht vom Fernsehen, sondern von Deutschlehrern verdorben wird. Und von mediokren Bildungsbürokraten, die "Lehrpläne" und "Lernziele" entwickeln, die dann auf dem Markt "Lektürehilfen" wie die zitierte "evozieren".

Zum Thema "Literatur im Unterricht" gibt es noch eine ganze Menge zu sagen, und das tut Hans Ulrich Treichel, ein Literaturunterrichter für angehende Schriftsteller, am Freitag um 20 Uhr im Goethe Institut. Am Dienstag spricht zur gleichen Uhrzeit am gleichen Ort John von Düffel zum Thema. In der letzten Woche hat Schopenhauer einen guten Satz für die Hunde eingelegt. Von wem stammen diese bösen Worte, die Frischverknallten die rosarote Brille von der Nase hauen: "Im Rahmen der Verliebtheit ist uns von Anfang an das Phänomen der Sexualüberschützung aufgefallen, die Tatsache, dass das geliebte Objekt eine gewisse Freiheit von der Kritik genießt, dass alle seine Eigenschaften höher eingeschätzt werden als die ungeliebter Personen oder als zu einer Zeit, da es nicht geliebt wurde."

Die Expo exponiert sich. Mit Literatur, man stelle sich vor. Unter dem Slogan "Wörter: Welt" und konzipiert von Brigitte Landes und Michael Krüger will das Gastgeberland Deutschland "sich selber beschreiben". Wenn Sie also in den nächsten Tagen nach Hannover fahren, um mitzuhelfen, Verona zuliebe die Auslastungsquote zu steigern, schauen Sie mal in den Deutschen Pavillon. Wenn Sie das hier zum Frühstück lesen und jetzt Ihren Kaffee austrinken und zum Zug rennen, könnten Sie es noch schaffen: Heute um 14 Uhr werden unter anderem Rilke und Schulze gelesen, morgen, wieder um 14 Uhr Durs Grünbein und Kafka - hoffentlich ohne "Lektürehilfe".

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