Berlin : Kultur-Tipps: Über Poulencs "Gespräche der Karmeliterinnen"

Jörg Königsdorf

Opernfreunde mögen die Wiederaufnahme von Poulencs "Gespräche der Karmeliterinnen" als kleine Wiedergutmachungsaktion werten: Nachdem die Deutsche Oper im letzten Jahr verpasst hatte, den hundertsten Geburtstag des Komponisten mit einer Aufführung seiner Oper zu würdigen, sorgt sie jetzt immerhin für seine Aufnahme in die Jahrhundertklang-Hitparade der Festwochen. Eigentlich müsste Günter Krämers Produktion als eine begeisterte Empfehlung gelten, trifft für die "Karmeliterinnen" doch das gleiche zu wie für George Enescus vor einer Woche an dieser Stelle besprochenen "Oedipe". Auch die "Karmeliterinnen" sind ein Meisterwerk des zwanzigsten Jahrhunderts, die Schluss-Szene, in der die renitenten Nonnen unter Absingen eines schlagerträchtigen "Salve regina" zur Guillotine wandern und sich der Chor nach jeden Fallbeil-Klacken ausdünnt, gehört zu den schönsten der Opernliteratur und ist eine knifflige Aufgabe für jeden Regisseur (Krämer hat sie ganz überzeugend gelöst). Nach der deprimierenden Erfahrung der "Oedipe"-Wiederaufnahme kann man allerdings nur eine "Trotzdem reingehen!"-Empfehlung aussprechen. Denn auch die "Karmeliterinnen" sind ein Stück mit vielen kleinen, aber wichtigen Rollen, für die wieder nur das überalterte Ensemble des Hauses aufgeboten wird. Wer das Stück in den Aufnahmen von Pierre Dervaux (EMI) und Kent Nagano (Virgin) lieben gelernt hat, wird vermutlich der Versuchung dennoch nicht widerstehen können, zumal mit Rita Gorr eine der grandes dames der französischen Oper mit von der Partie ist (wieder am 17. 9.).

Ob die "Karmeliterinnen" besser gelingen als der "Oedipe", weiß man natürlich erst hinterher - wer das Risiko eines missglückten Abends verringern will, geht besser zu Veranstaltungen wie den Klangbildern in der Gemäldegalerie. Da gibt es für eine Karte einen ganzen Haufen verschiedener Konzerte und die Chance, dass eventuelle Nieten durch Hits ausgeglichen werden. Das Minimalrisiko bieten am Samstag und Sonntag die Kurzkonzerte, die tagsüber vor einzelnen Bildern stattfinden: Zum normalen Galerie-Eintrittspreis spielen den ganzen Tag Ensembles aus der Berliner Alte-Musik-Szene und versuchen, Querbezüge zwischen Musik und bildender Kunst herzustellen.

Risikofreudigere investieren jeweils 15 Mark für die beiden Extra-Konzerte: Das Eröffnungskonzert am Freitag in der stimmungsvoll klösterlichen Atmosphäre der Wandelhalle und das Samstagabend-Konzert in der benachbarten Matthäuskirche. Bei der Programmzusammenstellung haben die Veranstalter dabei bewusst auf Abwechslung geachtet, um dem eigentlichen Anlass des Mini-Festivals gerecht zu werden, die Vielfalt der Berliner Alte-Musik-Szene zu zeigen. Diesmal umfassen die aufgeführten Werke ein gutes halbes Jahrhundert Musikgeschichte: Von Mariengesängen des Mittelalters bis hin zu barocken Tanzperformances.

Nebenbei sind die Klangbilder auch ein Beweis dafür, dass Berlin trotz des Gerangels um die Barocksparte der Staatsoper und trotz der Abschaffung der Bach-Tage ein Zentrum für Alte Musik ist. Bislang ist die Bewerberzahl für die Teilnahme mit jedem Jahr kontinuierlich angestiegen, im dritten Jahr ihres Bestehens haben sich die Klangbilder nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Musikern als wichtiges Forum etabliert. Das könnte Vorbildcharakter haben: Ein Festival, bei dem von der Gemäldegalerie über die Musiker bis zum Publikum alle gewonnen haben - der Mut zum Risiko kommt dann ganz von selbst.

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