Berlin : Kultur-Tipps: Über U- und E-Kultur

Aus der Reihe Babel & Co.

Auch von klügeren Leuten ist immer wieder zu hören oder zu lesen, dass der Unterschied zwischen U- und E-Kultur im Verschwinden begriffen sei. Als Beispiele werden dann Phänomene wie diese angeführt: Tenöre in Fußballstadien, Literaturpäpste mit eigenen Talkshows, der ironisch-intellektuelle Genuss von Daily Soaps oder die Verwandlung des jungen Autor- und vor allem Autorinnentalents in den Eventhüpfer des eigenen Markterfolges. Mir haben diese Beispiele für das angebliche Verschmelzen von U und E noch nie eingeleuchtet. Die Stadiontenöre sind reinste U-Kultur, auch die morsch gespielten Repertoireopern sind als abgesunkenes Kulturgut nicht E und auch kein "vermischtes" UE, sondern simpelstes U. In der Literatur, in der erfolgreichen jungen deutschen zumal, kann von E fast überhaupt keine Rede mehr sein, überall Hübsches und Unterhaltsames. Wogegen überhaupt nichts zu sagen ist. Warum aber dann bloß die Kulturlüge von der angeblichen "Verschmelzung" von U und E, wenn die Wahrheit vielmehr eine ganz andere ist: die völlige Übermacht des U - wie Unterhaltsamen oder Untergang?

Zu den neueren Attraktionen bei der Präsentation von Büchern gehört die besondere "location". So können Sie etwa morgen um 19 Uhr ins Pergamonmuseum auf der Museumsinsel gehen, um Perikles Monioudis auf den Stufen des antiken Altars aus seinem neuen Roman "Palladium" lesen zu hören, während Ihr Auge über den Aufzug der Götter schweift, die auf dem Altarfries mit Hilfe des Herkules die Revolte der Titanen niederwerfen.

Neben diesem Aufgebot an repräsentativ ringenden Riesen rund um einen lesenden Autor wirken die drei Leute vom Kurt Becker Jazz-Trio, die Volker Kaminski bei seiner Lesung am Freitag um 20 Uhr 30 im Theater Coupe (Hohenzollerndamm 177) begleiten, regelrecht intim. Kaminski präsentiert seinen neuen Roman "Söhne Niemands."

Eine wilde Mischung von U, E, UE, von Text und Klang und Krach bietet Michael Leisching mit einer "militanten Improvisation" unter dem Titel "Some Essentials - No Arts" im Checkpoint am Spittelmarkt in der Leipziger Straße 55. Es handelt sich um eine Performance für alle, "die etwas härter drauf sind".

Das Gedicht ist in der Regel eine eher leise literarische Gattung. Das heißt aber nicht, dass damit kein Wirbel zu machen wäre. Wie das geht, können Sie am Donnerstag um 20 Uhr im Deutschen Guggenheim Unter den Linden 13 erleben. Es lesen der amerikanische Poet John Ashbery und sein Übersetzer Joachim Sartorius. Das Publikum braucht aber keine Angst zu haben, mit dem Wort alleingelassen zu werden. Es gibt natürlich "Ambiente". Unter anderem durch ein Installation von Lawrence Weiner. Der Anlass dieser Veranstaltung ist übrigens das Erscheinen von "The Spoken Arts Treasury" mit 100 amerikanischen Dichterstimmen, auf insgesamt 14 CDs im Hörverlag.

Mitunter müssen auch die Leser dieser Kolumne "etwas härter drauf" sein. Offenbar griff in der letzten Woche an dieser Stelle eine babylonische Verwirrung Raum. Denn obwohl die Wiederholung eigentlich eine Sache des Fernsehens und nicht der Presse ist, segelte aus der Tiefe des elektronischen Redaktionsraums eine schon einmal gedruckte, mithin überholte Kolumne heran und schubste die tagesaktuelle Fassung aus der Spalte. Das hat dann Ihnen (und mir) ein Deja-vu mit Vergangenem beschert. Wir bitten um Entschuldigung.

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