Berlin : Kulturforum: Die Wüste lebt

CHRISTIAN VAN LESSEN

BERLIN .Mit der Eröffnung der neuen Gemäldegalerie ist das Kulturforum in Tiergarten nicht mehr wiederzuerkennen: Rund um den Matthäikirchplatz flanierten gestern Trauben von Menschen und entdeckten eine völlig neue Seite der Stadt.Das sonst so öde Gelände wirkte wie wachgeküßt, als sei es schlagartig und endlich zu einem zentralen Bestandteil der Stadt geworden."Die Wüste lebt", war ein vielgehörter Satz.Über 10 000 Besucher nutzten bis in den späteren Abend den Tag der offenen Tür, um den 285 Millionen Mark teuren Neubau mit rund 1000 Werken in fast 60 Sälen zu begutachten.

Bei der Neuentdeckung des Kulturforums machten viele Berliner und Touristen aber zunächst die Erfahrung, daß der Zugang zur Gemäldegalerie zwar mit eindrucksvollen Steinplatten belegt, aber recht schlüpfrig ist.Auch der Boden der zentralen Eingangshalle lud diverse Gäste zu Rutschproben ein.Aber dann war schon das sichere Parkett der großen und hellen, von Tageslicht durchfluteten Stützenhalle mit Brunnen erreicht, von der aus sich die Säle mit den Gemälden erschließen und die den Besuchern das erste große Aha-Erlebnis bescherte.Auch wenn einige etwas enttäuscht feststellten, daß hier kein einziges Bild zu besichtigen ist.

Diese Halle wirkt mit ihren langen Bankreihen an den Wänden wie ein öffentliches Forum; sie ist auch der einzige Ort, der die Besucher an die Architektur des Neubaus denken läßt.Die sich um die Halle gruppierenden Säle selbst, von den Decken mit Tageslicht erhellt, wirken nicht "überladen" rücken nur die Kunst in den Vordergrund, was die Besucher wiederholt erfreut feststellten.Einer erinnerte dabei an die neuen Museen in Paris, "wo man vor lauter Architektur gar nicht mehr die Bilder sieht".

Die Besichtigungstour der Tausende von Menschen verlief in würdiger Ruhe, die Aufsichtskräfte, die wegen des erwarteten Andrangs auch aus anderen Museen der Stadt Verstärkung erhalten hatten, mußten wenig mahnen.Die in den Parkettfußboden eingelassenen Metallschienen, die den Sicherheitsabstand zu den Gemälden markieren, wurden kaum übertreten, die samtenen Wände nur verstohlen berührt.Etliche Museumsgäste fanden aber trotz des Andrangs Zeit, sich in Gemälde zu vertiefen, auch Erinnerungen aufzufrischen."Darüber mußten wir in der Schule Bildbeschreibungen machen", stellten etwa mehrere Generationen vor dem Abbild des Kaufmanns Georg Gisze fest, der von Hans Holbein dem Jüngeren 1532 gemalt wurde.Vorm düsteren Mann mit dem Goldhelm, dem Umkreis Rembrandts zugeschrieben, sammelten sich vorübergehend kleine Schlangen, und wer länger als eine Minute auf das weltberühmte Gemälde starrte, erhielt mitunter einen kleinen Schubser aus den hinteren Reihen.

Faltblätter erleichterten den Besuchern die Orientierung.Einige, die den Tag der offenen Tür zu wörtlich nahmen und von der großen Halle aus eine Tür ins Treppenhaus aufstießen, um zu Fuß eine Etage höher zu kommen, mußten schnell feststellen, daß es von dort so ohne weiteres kein Zurück mehr gab: Die Türen ließen sich vom Treppenhaus aus nicht öffnen; stattdessen wurde ein Alarm ausgelöst, der klang, als hätte es gerade einen Raub gegeben.Sicherheitsanlagen gehören eben auch zu einem Museum.

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