Kulturhaus in Mitte : Künstler sehen Tacheles-Zwangsversteigerung als Chance

Die Künstler im Kulturzentrum Tacheles fürchten die Räumung nicht – offenbar zu Recht. Praktisch rechnet auch der Senat nicht ernsthaft damit. Die Zwangsversteigerung könnte auch zu einer langfristigen Lösung führen.

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Ein Investor hatte eine Mauer im Torbogen des Künstlerhauses bauen lassen - jetzt wollen die Tacheles-Künstler das Hindernis überbrücken. So soll die Brückenkonstruktion aussehen. Im Hintergrund ist der Hofgenerator zu sehen. Der Strom ist abgestellt worden und die Künstler müssen sich selbst helfen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Jakob Hauser
06.05.2011 08:18Ein Investor hatte eine Mauer im Torbogen des Künstlerhauses bauen lassen - jetzt wollen die Tacheles-Künstler das Hindernis...

Am 4. April wird das „Tacheles“-Gelände zwangsversteigert. Dann droht den Künstlern die Räumung – theoretisch. Praktisch rechnen weder die Künstler noch der Senat ernsthaft damit. „Wir sehen die Zwangsversteigerung sogar als positive Chance, eine langfristige Lösung für das Kunsthaus Tacheles zu finden“, sagt Linda Cerna, Sprecherin der 80 Künstler, die in dem baufälligen Denkmal arbeiten. „Wir sind die Einzigen, die bisher ein Konzept vorgelegt haben. Jetzt ist die Politik gefragt.“ Das Konzept sah vor, das Kunsthaus vom Rest des Geländes abzuspalten und in eine öffentliche Stiftung zu überführen. Schließlich mache das Tacheles-Grundstück nur 1200 von insgesamt 25 000 Quadratmetern aus.

Dieser Plan funktioniert zwar nicht, weil das Gelände als Ganzes verkauft wird, aber beim Senat blickt man dennoch zuversichtlich in die Zukunft des Tacheles: „Wenn es einen Investor gibt, würden wir gern mit dem reden. Das Tacheles als Kulturstandort muss erhalten werden“, sagt Torsten Wöhlert, der Sprecher von Kulturstaatssekretär André Schmitz. „Eine Räumung ist nicht zielführend, sie beschädigt das Image der Stadt, des Tacheles und des Investors.“ Da das Kunsthaus sowohl in der Denkmalliste als auch im Grundbuch als Kunstort verzeichnet ist, kann der neue Eigentümer es ohnehin nicht anders nutzen als eben für Kunst. Der Senat kann sich sogar vorstellen, etwa die Ateliers oder die Bühne zu fördern.

De facto hieße das wohl: Es bleiben Künstler im Haus, aber womöglich nicht dieselben wie jetzt. Denn die werden schon lange nicht mehr gefördert. Von ihnen zahlt keiner Miete; sie beteiligen sich nur an den Betriebskosten.

Sie loszuwerden, wäre aber eine zähe Angelegenheit: „Die Anwälte des nächsten Investors müssten erst einmal rausfinden, wer alles im Haus ist und jeden einzeln rausklagen“, sagt Martin Reiter für die Mieternotgemeinschaft im Tacheles. Er vermutet ein abgekartetes Spiel; 35 Millionen Euro seien viel zu billig für das Riesengelände im Herzen der Stadt. 35,138 Millionen Euro ist laut offiziellem Gutachten der Verkehrswert des Areals, das aus 16 Grundstücken besteht. „Ich schreibe gerade einen lebensbejahenden Brief an den Finanzsenator, er soll das Grundstück selbst kaufen und entwickeln, das wäre ein gutes Geschäft für die Stadt,“ meint Reiter, der schon öfter durch skurrile Vorschläge aufgefallen ist.

13 der Grundstücke sind Bauland, allerdings mit strengen Vorgaben seitens des Bebauungsplans. Deswegen vermuten Insider, dass es vielleicht doch nicht so viele Interessenten gibt. „Es ist ein sehr großes Gelände und nicht so leicht zu entwickeln, sonst hätte Jagdfeld ja nicht die Grätsche gemacht“, mutmaßt einer. Eine Tochter der Fundus-Gruppe von Anno August Jagdfeld hatte das Gelände gekauft, dann aber ihre Kredite bei der HSH Nordbank nicht bedienen können, so dass nun der Bank die Immobilie gehört. Die Bank will ihr Geld wiedersehen und betreibt deshalb die Zwangsversteigerung.

Im Tacheles steigt erst mal am 12. Februar eine große Party: Mit 62 Künstlern und einer Gala feiert das Kulturzentrum seinen 21. Geburtstag.

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