Kulturwirtschaft : Kreativ wie nie

In keiner anderen Region Deutschlands wächst die Kreativbranche so stark wie in Berlin. Eine Senatsstudie sieht das Zentrum des Booms in der Spandauer Vorstadt.

Sebastian Leber

Zu diesem Ergebnis kommt der neue „Kulturwirtschaftsbericht“, der am Mittwoch von Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) und Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) vorgestellt wurde. Danach hat die Zahl der Unternehmen, die in den Bereichen Film, Musik, Mode, Werbung oder anderen kreativen Sparten tätig sind, innerhalb von sechs Jahren um ein Drittel auf 23 000 zugenommen.

Inzwischen setzt die Branche jedes Jahr mehr als 17 Milliarden Euro um – was einem Fünftel der gesamten Wirtschaftskraft der Stadt entspricht. Damit sei die Branche ein „wesentlicher Motor“ Berlins, sagt Harald Wolf. Besonders zugelegt haben die Entwickler von Computersoftware mit einer Steigerung um 113 Prozent.

In seinem Bericht hat der Senat auch statistisch erfasst, in welchen Vierteln sich einzelne Branchen konzentrieren. Herausragend ist dabei die Spandauer Vorstadt zwischen Torstraße, Oranienburger Straße und Dircksenstraße: Hier sind vor allem Galerien, Werbeagenturen und Architektenbüros stark vertreten. Die meisten Designbüros finden sich am Arkonaplatz in Mitte sowie am Oranienplatz und Lausitzer Platz in Kreuzberg. Eine weitere Ballung macht Junge- Reyer entlang der Leipziger Straße aus: Hier habe sich – größtenteils unbemerkt von der Öffentlichkeit– ein dichtes Netz von Softwarefirmen angesiedelt, die zum Beispiel Computerspiele programmierten. „Man kann sagen, dass diese neuen Nutzer dem Viertel einen neuen Glanz geben“, findet Junge-Reyer.

Warum sich die Programmierer gerade an der Leipziger Straße angesiedelt haben, erklärt sich vielleicht anhand eines weiteren überraschenden Ergebnisses der Studie: So wurden Berliner Unternehmer nach den Gründen für ihre Standortwahl befragt. Bisher wird angenommen, dass das Vorhandensein eines „kreativen Umfelds“ eine entscheidende Rolle spielt – manche Stadtplaner versuchen deshalb, die Attraktivität eines Viertels für die Kreativwirtschaft an der Anzahl der Szenecafés zu messen. Nicht so in Berlin: Als wichtigstes Standortkriterium nannten die Umfrageteilnehmer neben niedrigen Mietpreisen eine „gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr“.

Auf einen weiteren Rekord ist Harald Wolf weniger stolz: So hat die Zahl der sozialversicherungspflichtigen kreativen Jobs abgenommen – dafür gibt es deutlich mehr Selbstständige, die für dieselbe Arbeit teilweise weniger verdienen als festangestellte Kollegen. Auf jeden Festangestellten komme in diesem Bereich inzwischen ein Selbstständiger, weiß der Wirtschaftssenator. Nirgends sonst in Deutschland ist das der Fall.

Viel zu tun gebe es noch, sagt Wolf. Zum Beispiel möchte er die gesamte Innenstadt zu einer W-Lan-Zone machen. Dafür soll ein privates Unternehmen gewonnen werden, zwei Interessenten gebe es bereits. Das Surfen und Verschicken von Mails soll dann für jeden kostenlos möglich sein – nur wer eine schnellere Verbindung ins Internet möchte, muss zahlen.

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