Kunst am Bau : Die drei von der Malstelle

Ob Fassade, Innenraum oder Leinwand – das Trio „innerfields“ macht jede Oberfläche zu einem kleinen Kunstwerk. Ihre neueste Kreation: ein riesiger Haubentaucher auf dem szenigen RAW-Gelände in Friedrichshain.

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Die Väter des Vogels. Der „Haubentaucher“ auf dem RAW-Gelände hat Jakob Bardou, Holger Weißflog und Veit Tempich (v.li.) offenbar viel Freude bereitet.
Die Väter des Vogels. Der „Haubentaucher“ auf dem RAW-Gelände hat Jakob Bardou, Holger Weißflog und Veit Tempich (v.li.) offenbar...Foto: Thilo Rückeis

Haubentaucher bekommt man auf dem alten RAW-Gelände nur selten zu Gesicht. Eigentlich gar nicht. Was sollen sie dort auch, fern von jedem brauchbaren Gewässer. Nicht mal eine erfolgversprechende Balz ist möglich, bei der so ein liebestoller Haubentaucher durch heftiges Paddeln pinguingleich auf dem Wasser zu stehen scheint. Und dennoch: Seit kurzem steht das ehemalige Reichsbahn-Ausbesserungswerk an der Revaler Straße in Friedrichshain ganz im Zeichen des Haubentauchers. Graffiti und Streetart sind dort keine Seltenheit, doch das Fassadenbild des Künstler-Trios „innerfields“ sticht daraus deutlich hervor. Mit seinen sanften Farben wirkt der von Jakob Bardou, Holger Weißflog und Veit Tempich gemalte Haubentaucher wie ein Ruhepol auf dem nie zur Ruhe kommenden Gelände.

„Den Auftrag, die Fassade zu bemalen, bekamen wir von Freunden, die ein Grundstück auf dem Gelände gepachtet haben“, erzählt der 34-jährige Bardou. „Das Problem war, dass die Wand schon bemalt war.“ Da die Berliner die alten Bilder erhalten wollten, geht das Gefieder des Wasservogels hinten in kleine Rechtecke über, durch die die früheren Werke durchscheinen. Gemälde anderer Künstler einfach zu übermalen, kam für das Trio nicht infrage. Vor allem nicht auf diesem Gelände, bei dem nicht klar ist, wie lange es als alternativer Lebensraum noch bestehen wird. Wie berichtet, rebellieren Anwohner und RAW-Akteure gegen ein Wohnungsbauprojekt. Im Herbst soll es öffentliche Diskussionen über die Zukunft des Geländes geben. „Wir hoffen, dass unser Fassadenwerk noch lange zu sehen sein wird“, sagt Bardou.

RAW - Ort für Kreativität
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1 von 71Foto: Alice Epp
05.06.2014 15:03Das einstige Reichsbahnareal in Friedrichshain beflügelt die Fantasie. Nach dem Mauerfall wurde es zum Subkultur-Zentrum, zuletzt...

Die drei Berliner kennen sich seit ihrer Jugend, wohnen auch alle im selben Haus in Kreuzberg. Im Jahr 2000 hatten sie mit zehn Freunden die Künstlergruppe „IWS“ gegründet. „Das war eine Kunst- und Bewegungsgruppe. Wir haben alles Mögliche gemacht im Hip-Hop-Bereich. Unter uns gab es DJs, Breakdancer, Graffitisprayer – wobei wir auch damals schon auf legalen Wänden gesprayt haben“, erzählt Bardou. In eine bestimmte Schiene wollen sie sich aber nicht drängen lassen: „Wir sehen uns weder im Graffiti noch in der Streetart verankert. Wir wollen einfach mit unseren Werken Geld verdienen und das machen, woran wir Spaß haben.“ Daher nehmen sie fast jeden Auftrag an: große Fassaden als Werbeaufträge, Innenräume für Privatpersonen, Workshops in Jugendzentren. „Wir haben auch einfache Malerarbeiten gemacht oder für die Porzellan-Manufaktur in Meißen Vasensockel vergoldet“, sagt Holger Weißflog. Professionell angefangen hat das Trio 2007, als sie vom ehemaligen italienischen Justizminister Claudio Martelli den Auftrag bekamen, eine Wohnzimmerwand in Berlin zu gestalten. „Er sollte hier eine Fernsehsendung moderieren“, erzählt Bardou. „Für sein Wohnzimmer wünschte er sich Graffiti mit Vögeln, Fischen, Giraffen und nackten Frauen. Ziemlich verrückt.“

Weißflug hatte zunächst Biologie studiert. „Aber Petrischalen und sterile Räume – das war nichts für mich.“ Neuer Versuch: Studium an der Kunsthochschule Weißensee zum Flächen- und Textildesigner. Bardou machte eine Ausbildung zum Uhrmacher: „Auch während der Ausbildung hatte ich immer wieder mit der Malerei zu tun“, erinnert er sich. Er eröffnete einen Airbrushladen und malte die Köpfe der Rapper Sido und Bushido auf T-Shirts. „Wir hatten damals eine kleine Kooperation mit dem Label Aggro Berlin, bei dem die beiden Künstler unter Vertrag standen“, erzählt Bardou. Veit Tempich machte nach Praktika als Stuckateur und Kunstschmied eine Ausbildung zum Holzbildhauer.

96 Ortsteile, 96 Bilder, 100 Prozent Berlin
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

„Dadurch dass jeder bestimmte Techniken kennt, gehen wir manchmal ziemlich naiv in Aufträge rein – am Ende kriegen wir es trotzdem immer hin“, sagt Weißflog. „Veits Bildhauerausbildung kam uns zum Beispiel zugute, als wir mit Olympiasieger Robert Harting eine Diskus-Suite gestaltet haben.“ Das Zimmer ist eines von acht Sport-Themensuiten im Hotel Kolumbus in Lichtenberg, die von Sportlern wie Patrick Hausding (Wasserspringen), Jenny Wolf (Eisschnelllauf) oder der Eisbären-Legende Sven Felski (Eishockey) gestaltet wurden. „Start für die Suiten war die Leichtathletik-WM 2009 in Berlin“, sagt die Projektkoordinatorin Joanna Nordmann. „Harting hatte die erste Suite gestaltet.“ Drei Jahre später wollte er sie erneuern. Gemeinsam mit „innerfields“ kam ihm die Idee, dreidimensionale Schriftzüge an den Wänden anzubringen. „Alles auf Sieg“, „Finish“, „Dynamik“ und andere Motivationssprüche wurden in die Wände gemeißelt.

Ein Teil der Einnahmen aus der Suite-Vermietung wird für die Therapie des dreijährigen Mika aus Burg im Spreewald gespendet, der an einer Muskelschwunderkrankung leidet und im Rollstuhl sitzt. „Das war Hartings Idee, die wir sehr unterstützenswert fanden“, sagt Weißflog.

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