Berlin : Kunst, die aus dem Keller kam

Erst lustvoll, nun wertvoll: 1957 verewigten sich Maler unter der Akademie der Künste. Jetzt sind die Bilder zu sehen

Lothar Heinke

Die Geschichte beginnt 1957 im Keller von dem, was mal die Akademie der Künste war. Dort zeigten Ost-Berliner Maler und Bildhauer ihren Schülern, wie man Künstler wird. Dort feierten sie auch ordentlich und dabei kamen ihnen schräge Ideen. Zum Beispiel: die Kellerwände anmalen. Was seit 1957 dort entstand, ist nun wieder zu sehen: im „Metzkes Deli“, einem Café im Hotel Adlon, dem Akademie-Nachbarn.

Metzkes, das ist Harald Metzkes, heute 74 Jahre alt, damals einer der Keller-Künstler und später Begründer der „Berliner Schule“, einer realistischen Mal-Art. Beim Besuch im Café erinnert er sich: Zu den Feiern habe man die großen Meister eingeladen – Fritz Cremer, Gustav Seitz, Heinrich Drake, Otto Nagel und John Heartfield. Metzkes: „Bildhauer Werner Stötzer gab das Thema vor, nach dem wir den Ort dann ausgemalt haben.“ 1957 war das eine Moritat vom Wilddieb und vom Förster: Wer schleicht durch den finsteren Wald so einsam und still daher? Es ist der Wilddieb, der Schlaue, der Wildschütz mit seinem Gewehr. Diese Ballade inspiriert Harald Metzkes, Manfred Böttcher, Wieland Förster, Dieter Goltzsche, Ernst Schröder, Werner Stötzer und andere junge Wilde zu Pinselstrichen quer über die Wand. Man dachte an Picasso, Matisse und Chagall – und ließ die Farben triefen. Dann wächst die Berliner Mauer, die das zerstörte Akademiegebäude ins Niemandsland versetzt – und mit ihm die wohl seltsamste Galerie der Stadt.

Erst die Neubaupläne fürs Adlon-Palais bringen die Wandgemälde wieder hervor – elf Jahre nach dem Mauerfall und 43 Jahre nach ihrer Entstehung. Für den Neubau in der Behrenstraße an der Rückseite der Akademie müssen Keller ausgeschachtet werden. Nun zucken Blitzlichter, beleuchten Scheinwerfer die Stillleben der Wilddieberei. Zum Beispiel Harald Metzkes „Gastmahl“ mit mehreren schwarz gekleideten und behüteten Herren am langen Tisch, bereit zum Kampf um den Kopf eines Wildschweins. Ein paar Gestalten schweben durch den Raum, eine Frau ist auch dabei. Auf dem zweiten Bild liegt ein Hirsch besiegt im Zentrum, und beim dritten geraten die Wilddiebe in „Turbulenzen“.

Was soll mit diesen Kellerkindern werden? Die Akademie der Künste bestätigt den Meisterschülern, dass es um ihre Generation „in der kulturpolitisch brisanten Zeit der fünfziger und sechziger Jahre zu reichem Konfliktstoff und großen Aufregungen“ kam. Die Denkmalpflege bescheinigt den Bildern „große historische und kunsthistorische Bedeutung“, und der Investor verspricht, „diesen Schatz zu bewahren“ – Anno August Jagdfeld, dem Chef der Fundus-Gruppe, ist die pflegliche Behandlung und Erhaltung der drei Metzkes über eine Million wert.

Und so wird das „Gastmahl“, fast fünf Meter breit und über zwei hoch, mehrere Tonnen schwer, mitsamt der 24 Zentimeter starken Wand, auf die es gemalt ist, herausgeschnitten und sicher verwahrt. Andere Bilder restauriert eine Kreuzberger Spezialfirma.

Dann der rührende Moment: Metzkes kommt zu seinen drei Bildern, die er vor 46 Jahren zur Welt gebracht hat. Inzwischen ist das Adlon-Palais fast fertig. Der einstige Heizungskeller hat sich in das schon als Geheimtipp gehandelte Restaurant „Felix“ verwandelt, nebenan trägt das Deli-Café den Namen und die Signatur „Metzkes“: Zu Takeaway-Coffees, Sandwiches und leichten Gerichten in vielen Variationen, die das Adlon verspricht, werden drei Kellerwandbilder gezeigt. Zwei hängen im Café, das demnächst eröffnet wird, das große „Gastmahl“ hinter Glas soll im künftigen Durchgang zur Akademie und zum Pariser Platz stehen.

Harald Metzkes wirkt glücklich. Irgendwie, sagt er, hätte ja auch der Bagger ja auch weiterfahren und das Ganze einreißen können. „Das Gegenteil war der Fall. Und dafür bin ich dankbar“. Das Bild sei „wie eine Zeichnung, die man vor langer Zeit gemacht hat und die nun im Passepartout an der Wand hängt – plötzlich ist das Kunst“. Sponsor Jagdfeld kommt hinzu; für ihn sei das ein Tribut an die Tradition des Ortes, eine Hommage an die alte Akademie, „und ich bin froh, dass wir die Kunst von damals bewahrt haben“, sagt er. So ist der Künstler in der glücklichen Lage, seine eigene Jugend „mit einem gewissen Staunen“ anzusehen. Und wenn auch andere an dem Bild und seiner langen Geschichte ihren Spaß haben – umso besser.

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