Kunst in Neukölln-Rixdorf : Dem Schlips an den Kragen

Artus Unival hätte gern, dass Menschen sich mehr wundern, Dinge wieder infrage stellen. Also hat er in Berlin-Neukölln Krawatten aufgehängt. Ein Besuch bei einem Lebenskünstler und seiner eher ungewöhnlichen Installation im Rixdorfer Kiez.

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Der Künstler Artus Unival hat am Böhmischen Platz eine Installation aus Krawatten aufgestellt.
Der Künstler Artus Unival hat am Böhmischen Platz eine Installation aus Krawatten aufgestellt. Eine Botschaft hat er auch.Foto: Mike Wolff

Sieht aus wie eine überdimensionale Wäschespinne. Krawatten in sämtlichen Farben und Mustern wehen sanft im Wind; blauweiß gestreift hängt dicht an dicht mit pink getupft und rot-gelbem Paisleymuster. Ein etwa dreijähriger Junge zeigt auf die Installation, die mitten auf dem Böhmischen Platz in Neukölln-Rixdorf steht: „Da, Papa!“ Zwei Frauen um die Vierzig fotografieren sich gegenseitig vor dem Kunstwerk und schauen sich das am Gestell befestigte Schild an: „777 Galgenstricke. Eine nachhaltige Installation“ steht darauf und: „Aya Kultur“.

Um herauszufinden, was – oder vielmehr wer – dahintersteckt, muss man keine hundert Meter weitergehen. Hinter den zugehangenen Fenstern eines unscheinbaren Ladens in der Nähe des S-Bahnhofs Sonnenallee werkelt ein kleiner Mann um die 60, grauer Wuschelkopf, runde Brillengläser, in seinem Atelier vor sich hin. Das Männlein stellt sich als Artus Unival vor, Beruf: Lebenskünstler. Angenehm.

Das Atelier ist selbst ein Kunstwerk

Der Boden des etwa 18 Quadratmeter großen, verwinkelten Raums ist komplett mit Steinen in der Größe von Taubeneiern ausgelegt. „Das ist praktisch, weil ich nicht staubsaugen muss“, lautet die Begründung. Bunte, psychedelisch anmutende Bilder an der Wand, ein paar Schlipse lugen aus Kartons hervor. Ach ja, die sind ja der eigentliche Grund des Besuchs. Aber dazu später mehr.

Der Rahmen der Durchgangstür zu einem hinteren Raum besteht aus einem in drei Teile zerlegten Sofa – einem gelben Ungetüm aus Kunstleder. Die Lehne ist über die Tür genagelt, links und rechts den Rahmen entlang prangen die Sitzflächen. Die abgesägten Beine des Sofas finden sich, an eine pinke Kleiderstange gehängt, als Teil des mittig im Raum platzierten Schlagzeugs wieder. Der Sessel ist Teil einer abgewetzten hellgrün-rosa geblümten Couchgarnitur.

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Der Schlips als Metapher für Machtmenschen

„Ich will, dass die Leute sich wieder mehr wundern, Dinge infrage stellen“, sagt Artus Unival, der eigentlich Holmer Gislason heißt, aus Schleswig-Holstein kommt und Einzelhandelskaufmann gelernt hat. Wundern, wie über seine Krawatteninstallation: Der Schlips sei Metapher für Machtmenschen wie Manager, Politiker und Immobilienmakler. „Denen haben wir zu verdanken, dass die Mieten steigen und die Gentrifizierung auch in Rixdorf angekommen ist“, sagt Unival, der seit 1986 in Berlin und seit 14 Jahren in Neukölln lebt. Sein Nachbar musste schon wegziehen, den Trödler von gegenüber und das Puppentheater am Böhmischen Platz werde es wohl als nächste treffen. Die Installation soll auch an eine Eiche erinnern, „die in einem Dorf auf dem Marktplatz steht“. Und eine Warnung davor sein, dass Rixdorf immer mehr seinen Dorfcharakter verliere.

Und was hat es mit der Bezeichnung „nachhaltige Installation“ auf sich? Nachhaltigkeit sei zu einem Modewort geworden, sagt Artus Unival. Aber was bedeutet das eigentlich? „Nachhaltig ist ja erst einmal das, was bleibt“. So wie die Krawatten aus Polyester. Die aus besseren Materialien wie Seide oder Leinen dagegen zersetzen sich schneller. Die Installation sei eben im wahrsten Sinne ein „Denk-Mal“. Derlei Wort- und Gedankenspiele mag er. Ob es exakt 777 Krawatten sind, hat er nicht gezählt, die Zahl klinge einfach gut. Außerdem stehe sie für göttliche Vollkommenheit. Ein dezidierter Schlipsfeind ist Artus Unival aber gar nicht. Manchmal trägt er sogar selber einen.

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