Berlin : Kunst mit Polizeischutz

Eine ganze Hundertschaft rückte zur Eröffnung der Flick Collection im Hamburger Bahnhof an. 5500 Gäste waren eingeladen

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Ein paar Demonstranten mit Plakaten („Entschädigung für Zwangsarbeiter – sofort!“) empfangen an der Invalidenstraße die Besucher. Eine Frau mit roter Kerze in der Hand grüßt mit „Hitlergruß“ und filmt die Reaktionen. Schauspieler der Theatergruppe „Ostarbeiter“ marschieren am Zaun entlang, in Häftlingskluft, mit Bildern ehemaliger Zwangsarbeiter. Die Plakate mit der Aufschrift „Wir fordern: Freier Eintritt für Zwangsarbeiter“ hängen seit Tagen in der Nähe des Hamburger Bahnhofs. Und im Museum sitzt ein nackter Mann auf dem Boden, auf der Brust ein Schild „Entartete Kunst“, und rasiert sich den Körper.

Mit starkem Polizeischutz ist am Dienstagabend im Hamburger Bahnhof die Ausstellung der Friedrich Christian Flick Collection eröffnet worden. Flick, dessen Großvater im Zweiten Weltkrieg als Hitlers Waffenlieferant Zwangsarbieter beschäftigte, war wegen seiner Weigerung, in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen, angegriffen worden.Die Polizei setzte auf Nummer sicher: ein gutes Dutzend Mannschaftstransporter war im Umfeld des Museums zu sehen, rund 100 Beamte waren angerückt. Bevor sich die Gäste im Festzelt versammelten, musste sich jeder einer Leibesvisitation unterziehen. Der politische Streit um die Ausstellung ließ Vorsicht ratsam erscheinen, zumal als Hauptredner der Eröffnungsfeier Bundeskanzler Gerhard Schröder gekommen war.

Die Proteste jedoch fielen schwächer aus als erwartet – und trugen meist künstlerischen Stempel. Die Einhelligkeit unter dem Eröffnungspublikum störten nur ein Stromausfall und der erste herbstliche Regen. Ansonsten applaudierte man, sobald die Rede auf die historische Verantwortung und die Unantastbarkeit der Kunst kam: Man war sich im Kreis der Eröffnungsgäste einig in der Flick-Unterstützung.

Ein erlauchter Kreis von Vertrauten hatte schon am Montagabend das Recht des ersten Blicks genossen. Beim offiziellen Start mit Kanzler standen dann Tausende auf der Gästeliste. Um den Ansturm zu bewältigen, hatte man die Menge geteilt: Die erste Eröffnung mit 3000 Personen um 19 Uhr, die zweite mit 2500 drei Stunden später. Im Publikum viel Politprominenz, von Alt-Bundespräsident Scheel über Innenminister Schily, Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, Kulturausschussvorsitzende Monika Griefahn, Klaus Wowereit, die Senatoren Körting, Junge-Reyer und Flierl, sowie Diepgen, Momper, Stölzl und Strieder. Die glamouröse Lebenswelt Flicks war gut vertreten, nicht nur durch dessen Exfrau Maya Gräfin von Schönburg mit Sohn Moritz. Auch Jette Joop und Jil Sander sowie Elisabeth Prinzessin von Sachsen-Weimar und Ehrengard Prinzessin von Preussen waren dabei. Nur die Kunstszene machte sich rar: Georg Baselitz soll gesichtet worden sein, ebenso der Auktionator Simon de Pury. Und das glatzköpfige Performance-Paar Eva & Adele, das immer im Partnerlook auftritt, saß Rotwein schlürfend in einer Rauminstallation, gemeinsam mit blonden Zwillingen – die nächste Generation? ac/chr/til

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