Berlin : Kunst voll

Von der Kasse bis Picasso: Die „MoMAnizer“ der Nationalgalerie betreuten schon über 17 000 Besucher

Juris Lempfert

Friederike Valentien vom Besucherdienst der Neuen Nationalgalerie ist Kunsthistorikerin und Spezialistin für alle Bereiche der Klassischen Moderne. Aber die Leute stellen ihr von morgens bis abends immer die gleiche Frage: „Warum muss man hier so lange warten?“ 116 Meter misst die Schlange vor der MoMA-Ausstellung Sonntag Mittag um halb drei. Tapfer schreitet Friederike Valentien sie immer wieder von vorne nach hinten ab, drückt den Frierenden Info-Broschüren in die Hand, sagt „ab hier noch eine Stunde“ und zu den letzten in der Reihe ein freundliches „werden wohl zwei Stunden werden“.

Fast 17000 Menschen haben in den ersten drei Tagen die MoMA-Schau in der Neuen Nationalgalerie besucht. „Das ist sehr viel, aber noch nicht unsere Schmerzgrenze“, sagt Projektleiterin Katharina von Chlebowski. Die läge erst bei 8000 Besuchern pro Tag. Besonders in den Abendstunden sei es aber erheblich ruhiger. Dabei wäre man gerade hier bereit, bei Bedarf sogar länger als 22 Uhr zu öffnen. Aber momentan kämen eben vor allem mittags „tausend mit einem Mal“. Dann zieht Friederike Valentien los. Die 30-Jährige ist eine von zehn MoMAnizern – alle ausgebildete oder angehende Kunsthistoriker –, die den Besuchern draußen das Schlangestehen mit ersten Informationen über die Ausstellung versüßen sollen und drinnen über die einzelnen Bilder Auskunft geben. 64 sind sie insgesamt, immer zehn arbeiten in einer Schicht. Weil sie so gut ankommen, will die Museumsleitung die MoMAnizer noch in dieser Woche auf 13 pro Schicht erhöhen. „Hier draußen wollen die Leute aber eigentlich nur wissen, wann es vorangeht“, sagt Valentien. Immer nur 1000 Besucher gleichzeitig werden in die Ausstellung gelassen, erklärt sie dann. So müsse man zwar draußen ein wenig warten, habe aber drinnen genug Platz und werde nicht im Gedränge von Bild zu Bild gestoßen.

Die meisten Wartenden finden das gut und vertreiben sich geduldig die Zeit, kaum einer meckert. Auch Rainer Kellz nicht, der mit seiner Familie seit einer Stunde in der Schlange steht. Er hatte seiner Frau vorsichtshalber schon mal geraten, Kaffee, Orangensaft und Brötchen einzupacken. „Mal ehrlich“, sagt er, „schauen Sie doch nach Paris, da müssen Sie auch überall bei den wichtigen Ausstellungen warten. Das gehört doch dazu. Da merkt man eben, dass das hier was echt Wichtiges ist.“ Nicht alle haben so gut vorgesorgt wie Rainer Kellz, und für die kommt dann der Würstchenmann gegen ein Uhr gerade recht. Der kann seinen Wagen nicht mal bis zum Standplatz schieben, da ist sein Rost schon leer. „Ich hab überlegt, ob ich zum Karnevalszug gehe oder hierher“, sagt er und grinst, „Ich habe mich richtig entschieden.“ Er will jetzt öfter kommen. Kein Wunder: 4700 Besucher am Freitag, je 6000 am Samstag und Sonntag, und die Veranstalter rechnen damit, dass das so bleibt – da klimpert es in der Würstchen-Kasse.

Wer lange Wartezeiten vermeiden will, dem rät Friederike Valentien Donnerstag, Freitag oder Samstag – den Tagen mit Öffnungszeiten bis 22 Uhr – und dann am frühen Abend zu kommen. „Ab 18 Uhr musste man Freitag beispielsweise nur noch 20 Minuten Schlange stehen“, sagt sie. Ein weiterer Tipp: die Karte schon vor dem Besuch kaufen, am besten abends. „Abends ist an den Kartenhäusern keine Schlange mehr, und morgens ist dann am Eingang noch keine Schlange“, sagt Valentien. Wer auf keinen Fall warten will, dem rät sie zum VIP-Ticket. 600 davon werden pro Tag verkauft, und bisher gingen alle restlos weg. Für 27 Euro – anstelle der regulären 12 bzw. ermäßigt sechs Euro – gibt es den separaten Eingang und eine eigene Garderobe.

Wer einmal drinnen ist in der Neuen Nationalgalerie, der hat wirklich viel Platz, obwohl es auch hier bereits einige Publikumsmagneten gibt. „Die plastischen Kunstwerke sind besonders beliebt“, sagt Claudia Wöll, ebenfalls MoMAnizerin, aber für den Innenbereich zuständig. Auch hier, im Raum der „Minimal-Art“, wird übrigens immer die gleiche Frage gestellt: „Wo ist der rote Vogel?“ Wöll erläutert dann ausführlich die schneeweiße Leinwand von Agnes Martin, unter der „Roter Vogel“ steht. Eine ältere Dame löst sich schließlich aus dem Halbkreis, der sich um die MoMAnizerin gebildet hat und nickt anerkennend „Jetzt verstehe ich“, murmelt sie, „der Maler wollte sein Ego zurücknehmen, deshalb ist auf dem Bild nichts drauf. Feine Kerle, die modernen Künstler.“

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 19. September 2004. Di/Mi/So 10-18, Do/Fr/Sa 10-22 Uhr. Karten kosten Di-Fr 10, erm. 5 Euro, Sa-So 12, erm. 6 Euro. Mehr Informationen unter Tel.: 0180 - 522 10 34 (0,12 €/Min) oder unter: www.das-moma-in-berlin.de

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