Kunstausstellung im Berghain : Tag des offenen Techno

Zu seinem zehnjährigen Bestehen schenkt sich der Kult-Club Berghain eine Kunstausstellung. Rein darf ausnahmsweise jeder.

Tassilo Hummel
Der wohl berühmteste Türsteher Berlins, Sven Marquardt, ist ausnahmsweise mal nicht vorm sondern im Berghain anzutreffen - samt seiner Kunstwerke.
Der wohl berühmteste Türsteher Berlins, Sven Marquardt, ist ausnahmsweise mal nicht vorm sondern im Berghain anzutreffen - samt...Foto: dpa

Heute um 19 Uhr öffnet das Berghain – und jeder kommt hinein. Zum Geburtstag schenkt sich der von Mythen umrankte Technoclub nämlich die Kunstausstellung „10“, und die ist öffentlich. Die Berliner Türsteherlegende Sven Marquart wird diesmal eben nicht vor der Eisentür stehen, sondern drinnen als Motiv an der Wand hängen.

Da werden etliche Schwarz-weiß-Porträts von Nachtschwärmern und anderen Hipstern gezeigt. Neben Marquart wurden acht weitere Künstler vom Berghain gebeten, ihren Beitrag zu der dreiwöchigen Ausstellung zu leisten, bei der sich der Club vor allem mit sich selbst beschäftigt – mit diesem urbanen Mythos um Techno, Sex und Drogen, den quasi-religiösen Riten der Subkultur.

Eine neoklassizistische Industriekathedrale als Ausstellungsraum

Bespielt wird die so genannte „Halle am Berghain“, ein Heizkraftraum im hinteren Teil des alten DDR-Kraftwerks, das mit seiner üppigen Architektur im Stile des sozialistischen Neoklassizismus unter Denkmalschutz steht und in dem der Nachtclub seit 2004 residiert.

Der Raum ist ein gewaltiger, knapp 20 Meter hoher Betonkoloss, überall mit Farbe und Schriftzügen besprüht. Durch die spärlichen Fenster kommt nur wenig Licht hinein, was die Halle noch düsterer und industriell verbrauchter aussehen lässt. Der ideale Raum für eine Kunstausstellung in und über einen der wohl wichtigsten Orte urbaner Subkultur der Welt.

Nirgends kommt man schwerer hinter die Tür, normalerweise. Doch im August läuft in den heiligen Hallen des Berghain eine öffentliche Kunstausstellung.
Nirgends kommt man schwerer hinter die Tür, normalerweise. Doch im August läuft in den heiligen Hallen des Berghain eine...Foto: dpa

Nachdem die Pläne, dort eine Konzerthalle in Form eines Kubus zu errichten, 2010 nach Uneinigkeiten zwischen den Betreibern und der Senatsverwaltung platzten, kommt die Halle am Berghain, die hinter den eigentlichen Clubräumen liegt, nur vereinzelt für Veranstaltungen zum Einsatz.

Norbert Bisky lässt seinen Teppich fliegen

Zuletzt war sie 2013 Spielort der hochgelobten Ballettproduktion „Masse“. Seinerzeit wurde das Bühnenbild von einem der großen Berliner Zeitgenossen geschaffen: Norbert Bisky zerschnitt nun die bemalte Plane, die als Tanzboden diente, damit diese nun als tanzender, fliegender Teppich durch die Heizkrafthalle schweben kann.

Auch die anderen Werke bilden mehr oder weniger offensichtliche Referenzen zum Club. Piotr Nathans Bilder und Installationen widmen sich dem Thema „Rausch“. Der polnische Künstler, der seit knapp dreißig Jahren in Berlin lebt, hatte bereits das Foyer des Clubs mit einem großformatigem Gemälde bestückt.

Daneben werden Werke der Fotografen Ali Kepenek und Friederike von Rauch gezeigt, sowie Rauminstallationen vonViron Erol Vert und Carsten Nicolai. In einem eigens angefertigten kioskartigen Gebilde wird es die temporären Tattoos von Marc Brandenburg geben, sodass sich die Besucher Motive aus zehn Jahren Clubgeschichte auf den Körper kleben können, sofern sie das wollen.

Schweiß und Urin als Symbole der Technokultur

Die Körperlichkeit in weitestem Sinne ist auch das Thema des Werks „Hero’s Journey“ der Berliner Künstlerin Sarah Schönfeld. Es ist wohl der größte Hingucker der Ausstellung, hebt sie doch die Technokultur mit all ihren Exzessen regelrecht in sakrale Höhen: In langen Nächten sammelte sie von Berghain-Besuchern Schweiß und Urin.

Sven Marquart ist nicht nur der meist gefürchtete Türsteher Berlins, sondern auch Fotograf. Verschwindend wirken seine Werke in der riesigen Heizkrafthalle.
Sven Marquart ist nicht nur der meist gefürchtete Türsteher Berlins, sondern auch Fotograf. Verschwindend wirken seine Werke in...Foto: Zsu Szabo

Letzeres füllte sie in einen Glaskasten, um den mit Ecstasy, Alkohol und sonstigen Substanzen versetzen Körpersaft mit Licht zum Erstrahlen zu bringen. Mit dem gesammelten Schweiß erzeugte sie purpurne Abdrücke, die natürlich an das Schweißtuch der Veronika erinnern, auf dem christlicher Legenden nach das Abbild Jesu sichtbar wurde.

Ausstellung „10“, 8. bis 31. 8., täglich außer montags, 16-23 Uhr in der Halle am Berghain, Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain. Eintritt 5 Euro.

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