Kunstraum Bethanien : Papierschöpfer für alte Manuskripte

Seit 25 Jahren schöpft Gangolf Ulbricht in der Druckwerkstatt im Bethanien Papier für Künstler und Restauratoren weltweit. Eine besondere Technik hat er in Japan gelernt.

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Das dünnste Papier, das Gangolf Ulbricht herstellen kann, wiegt nur zwei Gramm.
Das dünnste Papier, das Gangolf Ulbricht herstellen kann, wiegt nur zwei Gramm.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wer Gangolf Ulbricht in seiner Papierwerkstatt besuchen möchte, muss aufpassen, sich nicht im Kunstquartier Bethanien am Mariannenplatz in Kreuzberg zu verlaufen: Im Eingangsfoyer die Treppe hoch, Durchgangstür, Gang hinunter. Mit dem Aufzug geht es in den Keller, im Gang wieder links, dann hat man es geschafft.

— Die Papierwerkstatt liegt aber versteckt, Herr Ulbricht!

— Ja, aber das ist auch gut so.

Ulbricht, graues T-Shirt, blaue Hose, schwarze Socken in schwarzen Sandalen, hat beim Arbeiten lieber seine Ruhe. Seit 25 Jahren schöpft der 52-Jährige im Keller der Druckwerkstatt Papier, sie gehört zum Kulturwerk des Berufsverbands Bildender Künstler bbk berlin. Papier wird aus Holz produziert? Nicht bei Ulbricht. „Holz verwendet die Industrie, ich schöpfe nur aus Pflanzenfasern.“ Er fertigt in zwei Verfahren: Dem traditionell europäischen und dem japanischen.

„Papier schöpfen ist schöpferisch“

Papier europäischer Art stellt er aus Hanf, Flachs oder Baumwolle her. Die Fasern gibt er mit Wasser in den Holländer, eine Maschine mit Walze. „Das ist mein Mixer“, erklärt Ulbricht. Wasser und Fasern laufen im Holländer im Kreis, immer wieder unter der Walze durch, bis ein Brei entsteht. Mit Wasser verdünnt er den Brei in einer Wanne, der Bütte. Er taucht einen Schöpfrahmen mit vielen feinen Metallfäden ein, zwischen denen das Wasser ablaufen kann. Am Schluss presst Ulbricht in einer Hydraulikpresse die letzten Wasserreste aus dem Papier und glättet es. „Die Arbeit ist extrem befriedigend. Aus Fasern und Wasser wird plötzlich Papier.“ Bisher war er eher kurz angebunden, jetzt lächelt er. „Papier schöpfen ist schöpferisch“, sagt Ulbricht.

An den Bastfäden hängen schwarze Reste Borke, die Ulbricht stundenlang mit der Hand abzupfen muss.
An den Bastfäden hängen schwarze Reste Borke, die Ulbricht stundenlang mit der Hand abzupfen muss.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Er produziert vor allem für Künstler und Restauratoren. „Briefpapier schöpfen funktioniert hier nicht, dafür ist der Aufwand zu hoch“, sagt er. Seine Papiere exportiert er in die USA, nach Frankreich und Italien. Restauratoren bessern damit alte Manuskripte aus. „Meistens bekomme ich ein Stück altes Papier in einem Umschlag geschickt“, erzählt Ulbricht. Sein Auftrag: Das Papier originalgetreu nachbilden, die Farbe, die Dicke, die Struktur. Seine Kunden seien Spezialisten in ihren eigenen Welten. „Die fordern ganz schön ein“, sagt Ulbricht, „aber das bringt einen weiter.“ Seine Papiere werden in Archiven und Bibliotheken verwendet, unter anderem für die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar habe er viel produziert.

Ulbricht musste "was machen im Osten"

Als Jugendlicher hat Ulbricht eine Papiermacherlehre in einer Fabrik in der Uckermark absolviert. Nicht, weil ihn Papier besonders faszinierte, sondern weil er „was machen musste im Osten“. In Dresden studierte er Verfahrenstechnik. „Am Tag nach der Wende bin ich nach Berlin gezogen“, sagt Ulbricht. „Mir war sofort klar: Es ändert sich alles. Berlin ist der Platz für mich, hier liegen Ost und West zusammen.“ Er wollte nicht sein ganzes Leben in der Fabrik Maschinen steuern. „Papier von Hand zu schöpfen fand ich gut.“

Das dünnste Papier, das Ulbricht herstellen kann, wiegt zwei Gramm. Ulbricht wirft es in die Luft, pustet – es ist so leicht, dass es sich kurz in der Luft hält und nur langsam nach unten schwebt. „Das ist für unsichtbare Restaurierungen“, sagt er. Restauratoren kleben den Bogen zum Beispiel auf 300 Jahre alte Musikhandschriften. „Ein so dünnes Papier kann man nicht aus europäischen Fasern herstellen“, erklärt er. Dafür braucht er die japanische Technik, vor fast zwanzig Jahren hat er sie in Japan erlernt.

Die Unesco hat die japanische Schöpferkunst zum Weltkulturerbe erklärt

Damals wollte Ulbricht „im Beruf weiterkommen“. Er bekam ein Stipendium, ein Jahr lernte er dort. „Von der Qualität her ist Japan Spitze“, sagt Ulbricht. Traditionelles handgeschöpftes Papier heißt in Japan Washi. „Wa bedeutet japanisch und heilig, Shi heißt Papier“, übersetzt Ulbricht. Vor zwei Jahren hat die Unesco die japanische Schöpfkunst zum Weltkulturerbe erklärt.

Auch farbiges Papier stellt Ulbricht her, dafür färbt er den Papierbrei vor dem Schöpfen mit Erdpigmenten.
Auch farbiges Papier stellt Ulbricht her, dafür färbt er den Papierbrei vor dem Schöpfen mit Erdpigmenten.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der erste Unterschied: das Material. „Der Rohstoff für Papier japanischer Art ist Bast“, sagt Ulbricht. Er verwendet Bast von Maulbeersträuchern, über seinen früheren Lehrmeister Naito Tsnueo importiert er ihn aus Japan. Die Bastfäden kocht er in einem gewöhnlichen Topf „wie Spaghetti“, aber mit Pottasche, einem leicht ätzenden Pulver. An den Bastfäden hängen schwarze Reste Borke, „die muss ich dann von Hand abzupfen“, erklärt Ulbricht. Das dauere einige Stunden, er begreift das als Meditation. Aus den Bastfäden macht Ulbricht einen Brei, den er, wie beim europäischen Verfahren, mit Wasser in der Wanne verdünnt.

Am japanischen Schöpfrahmen sind keine Metallgitter befestigt, Ulbricht legt stattdessen eine Bambusrolle in den Rahmen, „wie eine Sushimatte, nur feiner“. Beim japanischen Verfahren wird der Schöpfrahmen nicht nur einmal in den Brei getaucht, sondern mehrmals. „Jede Schicht setzt sich einzeln ab“, erklärt Ulbricht. So entsteht das dünne japanische Papier.

Wird das Papier bald im 3D-Drucker produziert?

„Papier ist kulturell und gesellschaftlich bedingt“, sagt Ulbricht. Das japanische Papier sei dünner, weil das Klima feuchter sei. „Unser dickes europäisches Papier würde sich in der Regenzeit dort mit Wasser vollsaugen, es bekäme Stockflecken und würde schimmeln“, sagt er.

Ulbricht verwendet Bast von Maulbeersträuchern, er importiert ihn direkt aus Japan.
Ulbricht verwendet Bast von Maulbeersträuchern, er importiert ihn direkt aus Japan.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ulbricht verlässt sich nicht nur auf die alten Techniken. In einem Projekt mit dem Karlsruher Institut für Technologie erforscht er, ob er sein Papier in Zukunft auch im 3D-Drucker herstellen kann. „Mal schauen, ob wir den Brei durch die Düse jagen können“, sagt er. Ob das gedruckte Papier mit dem handgeschöpften mithalten kann, muss er erst noch herausfinden. Die Arbeit aber, das steht schon fest, wäre für Gangolf Ulbricht dann weniger meditativ.

Veranstaltungshinweis:

Im Deutsch-Japanischen Zentrum hält Gangolf Ulbrichts Lehrmeister Naito Tsuneo am Dienstagabend, 27. September, einen Vortrag über die japanische Kunst des Papierschöpfens und das japanische Papier Washi. Anschließend gibt es ein moderiertes Gespräch mit beiden Papierherstellern.

Los geht es um 19 Uhr in der Saargemünder Straße 2 in Dahlem. Der Eintritt ist frei, aber eine Anmeldung nötig per Mail an kultur@jdzb.de oder telefonisch unter (030) 83907123. Am Donnerstag, Freitag und Samstag (29.9. bis 1.10.) führt Naito das Papierschöpfen vor, jeweils 11 bis 16 Uhr im Technikmuseum, Trebbiner Straße 9, Kreuzberg. Zuschauer bezahlen den Museumseintritt von 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, Anmeldung ist nicht erforderlich.

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