Berlin : Kunstverband

Tilman Strasser
Kunst gehört nicht nur an, sondern auch in Berliner Gebäude, finden Mitglieder der Künstler-Vereinigung "AbBa". Hier ein Werk des Berliner Street-Art-Künstlers el Bocho.
Kunst gehört nicht nur an, sondern auch in Berliner Gebäude, finden Mitglieder der Künstler-Vereinigung "AbBa". Hier ein Werk des...Foto: dpa

Katja Sehl hat genug von ihrer prekären Lage. "Wir brauchen Raum", sagt sie. Die Künstlerin hat ihr Atelier in den Gerichtshöfen in Wedding - und Angst, es zu verlieren. Gemeinsam mit anderen Künstlern hat sie sich gut drei Wochen zu der Vereinigung "AbBa" zusammengefunden. "Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser" will sich gegen die Schließung von Ateliers zur Wehr setzen.

Neue Besitzer verheißen nichts Gutes

Für die Szene war 2014 ihr bislang schlimmstes Jahr. Vier traditionelle Atelierstandorte wurden von privaten Eigentümern gekündigt, 150 Künstlerinnen und Künstler verloren dadurch ihre Arbeitsgrundlage. Weitere sind bedroht, weshalb sich an acht Standorten nun Gegenbewegungen gebildet haben.

Auch unter den noch bestehenden Objekten wechseln gerade zahlreiche den Besitzer. "Jeder hier weiß, dass Verkäufe und neue Eigentümer in Berlin nichts Gutes verheißen", sagt Florian Schmidt, Atelierbeauftragter vom Berufsverband bildender Künstler.

Künstler wie Trüffelschweine

Was jeder normale Mieter kennt, ist längst auch zum Problem für Kulturschaffende geworden: Ganze Wohnblocks werden kernsaniert und anschließend zu einem Vielfachen vermietet, große Gebäude gehen gesammelt über Investment-Fonds an Firmen oder Neubesitzer in Übersee. "Mit denen ist dann schwer in Kontakt zu kommen", sagt Mariele Bergmann. Die Künstlerin arbeitet momentan am Erkelenzdamm. Der Ateliergemeinschaft sei bis Jahresende gekündigt worden, sagt sie, zwar habe der neue Eigentümer in einem Schreiben die gute Mieterstruktur hervorgehoben, aber bislang keine verbindlichen Aussagen gemacht.

Bergmann findet das nicht fair. "Wie Trüffelschweine stöbern wir leere Gebäude auf, machen sie funktionstüchtig und bewirken den Aufbau eines sozialen Umfelds in der Umgebung", sagt sie. "Und wenn die Lage für Investoren dadurch attraktiv geworden ist, werden wir verscheucht."

Künstler prägen das Bild Berlins mit

Ähnlich äußert sich Sibylle Gädeke, die ebenfalls in den Gerichtshöfen arbeitet. Mehr als 70 Künstlerinnen und Künstler hätten dort "seit einer Generation" ein dynamisches Kunstquartier geschaffen. Jetzt habe die Gesobau AG, der die denkmalgeschützte Immobilie gehört, den über Jahre fruchtbaren Dialog stückweise zurückgefahren - für die Künstler ist das beunruhigend. "Es kann nicht sein", sagt Gädeke, "dass die nächste Riege von Kunstschaffenden an den Stadtrand gedrängt wird." Immerhin prägten die Künstler das Bild Berlins mit, schaffe eine kreative Atmosphäre, der lebendige Kunststandort sei nicht zuletzt Anziehungspunkt für Touristen.

Freiluftausstellung "Kunst braucht Fläche"
So sieht eine zufriedene Künstlerin aus: Rebecca Raues drei Bilder hängen in Berlin an einer WerbeflächeWeitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Thilo Rückeis
26.07.2013 13:42So sieht eine zufriedene Künstlerin aus: Aber bis Rebecca Raues Bilder für das Projekt "Kunst braucht Fläche" mitten in Berlin an...


Die Bürger informieren, die Politik wachrütteln, die Verwaltung zum Handeln bewegen: Das sind die Ziele, die AbBa umsetzen will. Aktionen soll es geben, Kundgebungen, das Kollektiv sucht nach Aufmerksamkeit. Konkrete Schritte allerdings sind noch in Planung, mit einer Ausnahme: Fest steht bereits ein Solidaritätsaufruf des Atelierhauses "Mengerzeile". Für die Erhaltung des seit 21 Jahren bestehenden Arbeitsraums gibt es am 3. November im Möbel Olfe auf der Reichenberger Straße in Kreuzberg eine Aktion mit Konzert und Diskussion. Ansonsten sehen die Gründer im gemeinsamen Gang an die Öffentlichkeit den ersten großen Schritt: "Wir Künstler tendieren ja sonst dazu, uns vor der Leinwand zu verbarrikadieren", sagt Katja Sehl.

"Soll es hier aussehen wie in Sao Paulo?"

Florian Schmidt ist zuversichtlich, dass es bald weitere Aktionen geben wird. Er kündigt an, Kulturstaatssekretär Tim Renner beim Wort zu nehmen: "Man muss in den Bebauungsplänen die Kultur gleich mitdenken", habe der gesagt. Wenn den Worten auch Taten folgten, sähe die Zukunft für den Kunststandort schon wieder besser aus. Und das sei unabdingbar. Sibylle Gädeke würde die Ämter und Investoren gerne fragen, "wie sie denn sonst leben wollen. Soll es hier bald aussehen wie in Sao Paolo, karges Stadtbild, und jeder mit Geld macht einen riesigen Zaun um sein Gelände?"

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar