Kunstzentrum : Tacheles gekündigt

Das Kunsthaus in der Oranienburger Straße steht ohne Mietvertrag da. Die Bewohner wollen bleiben, die Eigentümer aber nicht verhandeln. Wie geht es nun weiter.

Matthias Oloew
Tacheles
Vor der Räumung. Ende des Jahres ist der Vertrag für das Kunsthaus Tacheles ausgelaufen. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Kündigung kam kurz nach Weihnachten. Ein Prokurist des Hauseigentümers war zu Besuch, grüßte freundlich und übergab dem Vorstand persönlich einen Brief. Darin steht, dass der Immobilienfonds Fundus den Mietvertrag für das Kunsthaus Tacheles für beendet erklärt. Am 31. Dezember 2008 ist Schluss.

Eine Ära geht zu Ende. Zehn Jahre konnten die Künstler im Tacheles zu einer symbolischen Miete von einer Mark pro Monat (umgerechnet 50 Cent – nicht pro Quadratmeter, sondern für das gesamte Haus) die Kaufhausruine an der Oranienburger Straße in Mitte nutzen. Im Gegenzug erklärte sich Fundus bereit, die baufällige Ruine zu sichern und zu erhalten. Auf der riesigen Brachfläche rundherum wollte der Fonds, zu dem unter anderem das Hotel Adlon gehört, ein komplett neues Stadtviertel errichten. Doch aus den Plänen wurde nichts.

Wie geht es nun weiter? „Der Mietvertrag wird nicht verlängert“, sagt Johannes Beermann, Sprecher der Fundus- Gruppe, Verhandlungen über einen neuen Vertrag seien nicht geplant. Daran hat der Künstlerverein, der das Tacheles trägt, aber großes Interesse. „Wir werden in unserer nächsten Sitzung unser Vorgehen beraten“, sagt Tacheles-Vorstand Martin Reiter. Die 60 Künstler, die das Haus nutzen, möchten in dem Bau bleiben, „wir könnten uns einen Anbau vorstellen, so viele Ideen haben wir.“

Was allerdings fehlt, ist das Geld. Einen regulären Quadratmeter-Mietpreis, wie er in der Nachbarschaft gezahlt wird, können sich die Künstler aller Voraussicht nach nicht leisten. „Die Stadt Berlin muss erklären, ob sie das Kunsthaus Tacheles erhalten will oder nicht“, sagt Reiter. Klingt ein bisschen danach, als ob der Senat einspringen soll, um die Künstler in der Ruine zu halten. Doch das dürfte schwierig werden, denn die Kulturverwaltung zahlt schon seit Jahren nur noch sporadisch, und wenn, dann für kleinere Projekte. Das gesamte Haus wird schon lange nicht mehr unterstützt. Das wiederum liegt auch daran, dass das Tacheles an die ersten Nachwendejahre, in denen von hier aus wichtige Impulse für das kulturelle Leben der Stadt ausgingen, nicht mehr anknüpfen konnte.

Andererseits wird die Fundus-Gruppe nicht allzu viel mit der Ruine anfangen können. Sie steht unter Denkmalschutz und muss im engen oder weiteren Sinne kulturell genutzt werden. Über die Pläne hüllt sich der Fonds-Sprecher in Schweigen. Fest steht jedoch, dass die großen Ideen, ein Viertel aus rund 40 Gebäuden mit einem Luxushotel, hochwertigen Büros und Stadtvillen und Apartments zu errichten, für das der Fonds einige hundert Millionen Euro ausgeben wollte, nicht umgesetzt werden konnten.

Fundus hatte das Tacheles mit der angrenzenden Brachfläche 1998 vom Bund für 5,4 Millionen Mark (rund 2,8 Millionen Euro) gekauft. Um die Künstler zum Ausziehen zu zwingen, hatte die damalige Oberfinanzdirektion einen Räumungstitel erwirkt. Verhandlungen hinter den Kulissen führten schließlich im November 1998 zu dem Status quo, der bis heute gilt. Fundus wurde Eigentümer, sicherte die baufällige Ruine und erhält von den Künstlern einen symbolischen Mietzins. Bislang ist das kein gutes Geschäft für Fundus.

Seither ist es still um das Kunsthaus – einmal abgesehen von dem spektakulären Suizid einer jungen Frau vor fünf Jahren, deren lebloser Körper von Touristen gefunden wurde, die zunächst an eine Kunstaktion glaubten.

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