Berlin : Kur für die Cadillacs

1987 war Vostells Skulptur ein Aufreger 2006 wird sie auf dem Rathenauplatz saniert

Christian van Lessen

Was hat Wolf Vostell für Kritik einstecken müssen. Bürgerinitiativen und Verbände regten sich höllisch auf. Sahen nicht nur den Grunewalder Rathenauplatz verschandelt, sondern gleich das ganze Ansehen Berlins in Verruf gebracht. Und das ausgerechnet zum 750. Geburtstag der Stadt. Es war schon sehr gewöhnungsbedürftig, was der berühmte Künstler in Beton gegossen hatte.

Zwei amerikanische Straßenkreuzer auf Betonrampen – das sollte Kunst sein? Dann noch der seltsame Name: „Zwei Beton-Cadillacs in Form der nackten Maja.“

Seit 1987 nun stehen die Cadillacs auf dem Mittelstreifen des Platzes. Sie waren einst Teil des „Skulpturenboulevards“, den sich die Weststadt zum Jubiläum gönnte. Die dicke Luft bekam den Autos nicht. Sie setzten seither kräftig Rost an. Der Verfall schien sicher, der ganzen Skulptur das Ende gewiss. Nun hat sich der private „Verein Pro City West“ drangemacht, die Autos zu retten, das Kunstwerk zu sanieren. Bis Mitte November soll alles frisch und fertig sein, rund 100 000 Euro kosten. Das Geld wird durch Werbung eingenommen.

Peter Ristau vom Kurfürstendamm- Karree gehört zu den Initiatoren der Rettungsaktion. Die maroden Autobleche, sagt er, werden sorgfältig herausgeschnitten. Man habe lange nach Ersatzteilen gesucht, werde den Autos auch neue Weißwandreifen und sogar eine TÜV-Plakette spendieren. Der Künstler selbst, der 1998 starb, hatte nur mit Mühe die 78er Cadillacs in Berlin auftreiben können, 6,20 Meter lange Riesen.

Beton und Cadillacs werden unter künstlerischer Leitung von Rafael Vostell saniert, dem Vertreter der Erbengemeinschaft. Das restaurierte Kunstwerk soll dann auch illuminiert werden.

Viele Berliner können Vostells Werk immer noch nicht leiden. Die meisten fahren achtlos vorbei. Der Künstler wollte die Blechlawine kommentieren, die „Goldenen Kälber des Kulturfetischismus“ in hilfloser Stellung zeigen, schräg und senkrecht aufgestellt und einbetoniert. Das Ende der Autokultur – provozierend dargestellt an einem Verkehrsknotenpunkt, der Zu- und Abfahrt der Stadtautobahn.

Kritiker schäumten vor Wut, eine Bürgerinitiative bat sogar den israelischen Satiriker Efraim Kishon um Hilfe. Der sprach angesichts der Skulptur von einem „gigantischen Bluff der Kunst-Mafia“. Das saß. Das Stadtjubiläum war von einem „Kulturkampf“ überschattet. Privatleute gaben eine Gegenplastik in Auftrag. Vorübergehend stand ein einbetonierter Trabi neben den Cadillacs. Sie überstanden alle Kritik. Vostell soll den Verfall der Autos einkalkuliert haben. Immerhin hatte er auf seine Art doch das Ende der Auto-Ära darstellen wollen. Nun gehört sein Werk längst zur Stadt. „Goldene Kälber“ werden nicht so einfach geschlachtet.

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