Berlin : Kurden entsetzt über Öcalan-Urteil - Protest blieb friedlich

JEANNETTE GODDAR

Mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte und Stacheldrahtrollen vor türkischen Einrichtungen - mit scharfen Sicherheitsmaßnahmen im gesamten Stadtgebiet hat die Polizei gestern auf mögliche Proteste von PKK-Anhängern nach dem Todesurteil für PKK-Chef Öcalan reagiert. Doch außer einer friedlichen Demonstration von rund 200 Kurden zur SPD-Bundeszentrale in Kreuzberg blieb es bis Redaktionsschluß ruhig. Der Senat appellierte an die Kurden, "sich nicht zu unbedachten Aktionen hinreißen zu lassen".



"Was ich erwartet habe?" Der junge Kurde mit dem enganliegenden orangen T-Shirt rümpft verächtlich die Nase. "Von Deutschland erwarte ich überhaupt nichts! Die sollen nur weiter ihre Waffen an die Türkei verkaufen!" Er ist regelmäßiger Besucher in den Räumen der Demokratischen Emigranten-Union (DEU) am Mehringdamm, eines kurdischen Vereins, der auch von Kurden hinter vorgehaltener Hand in die Nähe der PKK gerückt wird. Porträts von Abdullah Öcalan hängen links und rechts vom Fernseher. Unter den Porträts der vier vor dem israelischen Generalkonsulat Erschossenen stehen Kerzen. Wie fast alle anderen im Saal, die nicht Sprecher der DEU sind, will oder darf er seinen Namen nicht nennen.

Den meisten der über 200 Kurden war die Betroffenheit anzumerken, mehrere Frauen saßen weinend im Raum. Vierzehnjährige Mädchen hatten die Schule geschwänzt, um dabei zu sein, hielten Händchen und trösteten ihre Familie. Größere Gruppen kurdischer Männer saßen stundenlang schweigend um die Tische. Viele zündeten sich eine Zigarette nach der anderen an. "Wir wußten doch, was passiert", sagt Cemal Ballekaya, ein älterer Herr in einer grauen Strickjacke, "jedes andere Urteil hätte bedeutet, die Realität der Kurden anzuerkennen. " Als der türkische Fernsehsender TRT anschließend die Bilder klagender Mütter gefallener türkischer Soldaten übertrug, schlugen die Emotionen hoch: "Ausmachen", schrie einer, "macht das verdammte Ding aus." "Öcalan wird 1000 Jahre weiterleben", murmelt ein anderer: "egal, was die Türken mit ihm machen." Daß der türkische Staat ihn am Leben läßt, konnte sich kaum jemand vorstellen.

Heftig kritisiert wurde das Todesurteil von den kurdischstämmigen Parlamentariern im Abgeordnetenhaus. "Ob in der Türkei oder in Berlin, immer richtet sich Gewalt gegen Kurden" konstatierte Giyasettin Sayan (PDS). "Wer demokratisch denkt, kann jetzt nicht ruhig bleiben", erklärte Ismail Kosan (Bündnisgrüne). Beide forderten die Bundesregierung auf, aktiv Druck auf die Türkei auszuüben, damit das Urteil nicht vollstreckt werde.

Sämtliche Vertreter kurdischer Organisationen riefen zur Besonnenheit auf. "Gewalttätige Aktionen würden der kurdischen Sache sehr schaden", mahnte Alper Baba für die DEU. "Wir dürfen dem türkischen Staat jetzt nicht den Gefallen tun, uns außerhalb von Recht und Ordnung zu benehmen", sagte Kader Al-Yousef, Schriftführer der Kurdischen Gemeinde, "Die Sympathien, die uns auf der Straßen entgegengebracht werden, sind die einzige Karte, die wir in der Hand haben." Anders als in der DEU herrschte bei Kurdischer Gemeinde und auch im Kurdischen Zentrum gestern fast Normalbetrieb.

Abgesehen von einer kleineren Demonstration von etwa 200 Kurden, die unangemeldet zum Preußischen Landtag und SPD-Zentrale marschierten, blieb es bis Redaktionsschluß ruhig. Nach Einschätzungen kurdischer Beobachter liegt das auch daran, daß die PKK sowohl für Europa als auch für die Türkei zur Gewaltfreiheit aufgerufen hat. Gestern Abend wollten Vertreter der kurdischen Organisationen über das weitere Vorgehen diskutieren. Für das Wochenende wird möglicherweise eine Demonstration angemeldet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben