Berlin : Kurden im Konsulat drohten mit Selbstverbrennung

WERNER SCHMIDT

BERLIN .Mehrere 100 Kurden haben gestern das griechische Generalkonsulat am Wittenbergplatz in Schöneberg besetzt und gegen die Festnahme des PKK-Führers Öcalan in der kenianischen Hauptstadt Nairobi protestiert.Für den Fall eines Eingreifens der Polizei drohten mehrere Besetzer, sich mit Benzin zu übergießen und sich selbst in Brand zu setzen.Die Polizei setzte rund 400 Beamte und Spezialeinheiten ein, um die Umgebung rund um das Konsulatsgebäude am Wittenbergplatz 3 abzuriegeln.Die Besetzer verhielten sich diszipliniert, sagte Berlins Polizeipräsident, Hagen Saberschinsky.Wegen der Ereignisse brach Innensenator Werthebach gestern seinen Urlaub ab.

Am Abend warfen die Besetzer dann Steine und Flaschen auf die eingesetzten Polizeibeamten, nachdem zuvor einige von ihnen versucht hatten, eine türkische Fahne zu verbrennen.Davon wurden sie dann aber von den eigenen Leuten abgehalten.

Saberschinsky schloß am Nachmittag während einer Pressekonferenz eine Räumung des Bürohauses, in dem im dritten Stockwerk das griechische Generalkonsulat untergebracht ist, zwar nicht grundsätzlich aus, sagte jedoch, ein Räumungsersuchen der griechischen Generalkonsulin, Mara Marinaki, liege nicht vor: "Die Situation ist noch offen." Allerdings habe die Konsulin Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung erstattet.Eine Räumung des Konsulats, das exterritoriales Gebiet darstelle, sei nur mit Zustimmung des Konsuls möglich.Die Polizei werde aber auf jeden Fall eingreifen, wenn die Besetzer sich selbst oder andere gefährdeten.Die ersten Kurden waren gegen 4 Uhr gestern früh in das Haus eingedrungen und hatten die Türen zum Konsulat aufgebrochen.Etwa eine halbe Stunde danach erfuhr die Polizei davon.

Was in den Konsulatsräumen vor sich ging, war nachmittags von außen nicht zu erkennen.Auf dem Balkon, oberhalb des Konsulatssignets, montierten die Besetzer die rote Fahne der verbotenen PKK, kleine Fähnchen brachten sie an den Fenstern und der Fassade an.Die Polizei schätzte die Zahl der Kurden im Konsulat auf etwa 30 bis 40, weitere über 100 hielten sich vor dem Gebäude auf.Immer wieder wurden Parolen in kurdischer Sprache gerufen.

Mehrfach mußten Feuerwehr und Notarzt eingreifen, um Besetzern, die Schwächeanfälle erlitten hatten, Erste Hilfe zu leisten.Eine Frau habe im Konsulat offenbar Brandwunden erlitten, sagte Hagen Saberschinsky.Allerdings war unklar, unter welchen Umständen sie sich diese Verletzungen zugezogen hatte.

Für den Fall eines polizeilichen Eingreifens sah Saberschinsky "eine sehr schwierige Situation", denn es müsse damit gerechnet werden, daß sich die Besetzer "auf eine Verteidigung der Räume eingerichtet haben".Man rechne auf die Vernunft der Demonstranten und darauf, daß sie schließlich von selbst wieder abzögen.

Die Polizei bereitete sich darauf vor, auch weitere griechische Einrichtungen in Berlin zu schützen.Saberschinsky schloß nicht aus, daß auch griechische Restaurants Ziel von Anschlägen werden könnten, er rechne allerdings nicht damit, sagte er.Gleichzeitig seien insgesamt "erhebliche Schutzmaßnahmen" bei den Einrichtungen der beteiligten Länder getroffen worden.

Innenstaatssekretär Kuno Böse kritisierte gestern die mangelhafte internationale Informationspolitik in diesem Fall.So seien die deutschen Sicherheitsbehörden erst gegen 10 Uhr gestern vormittag offiziell davon unterichtet worden, daß Öcalan in Nairobi "verschwunden" sei.Eine weitere Stunde sei vergangen, bis mitgeteilt wurde, daß er bereits in die Türkei gebracht worden war.

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