Berlin : Kurfürst unterm Skalpell

Friedrich Wilhelm saß 300 Jahre lang auf seinem Pferd – nun wird das Reiterdenkmal vor dem Schloss Charlottenburg restauriert

Helmut Caspar

300 Jahre hat das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg im Ehrenhof des Schlosses Charlottenburg nun schon auf dem Buckel, und ebenso viele Jahre (oder mehr) soll es noch stehen. Deshalb wird das berühmte Bronzebildwerk seit Wochen restauriert und von schädlichen Ablagerungen befreit – an Ort und Stelle.

Das nach einem Modell des Barockbildhauers Andreas Schlüter geschaffene und im Jahr 1703 auf der Langen Brücke vor dem Berliner Schloss aufgestellte Reiterdenkmal wird nicht vom Sockel gehoben, sondern in einer provisorischen Werkstatt aus Stahlrohren und Plastikplanen gereinigt. Nur die vier an den Sockel geketteten Sklaven sowie einige Reliefs, die Ende April abgebaut wurden, befinden sich in der Weißenseer Metallrestaurierungswerkstatt Haber & Brandner und werden nun von Schmutz befreit und mit einem Schutzwachs versehen. Firmenchef Georg Haber hat bereits einige Berliner Großplastiken restauriert.

Das Denkmal war im Zweiten Weltkrieg abgebaut worden und kehrte nach einer Irrfahrt Ende der vierziger Jahre nicht nach Ost-Berlin in die Nähe der Schlossruine zurück, sondern wurde 1951 vor dem Charlottenburger Schloss auf einem neuen Sockel aufgestellt. Eine durchgreifende Reinigung und Konservierung fand damals nicht statt. Auch später hat man darauf verzichtet in der Annahme, der Bronze gehe es gut. „Wie sich zeigt, ist das Gegenteil der Fall“, sagt Metallrestaurator Peter Trappen und zeigt auf dicke Dreckschichten, die sich mit den Jahren in Falten, Kehlen und an jenen „offenen Stellen“ angesammelt haben, die nicht vom Regenwasser abgewaschen werden.

Die alte Bronze hat sichtlich unter den schwarzen, manchmal braunen Ablagerungen aus Ruß und Staub gelitten. Ein ganzes System von unansehnlichen schwarzen und grünen Schlieren durchzieht das Meisterwerk barocker Herrscherplastik. „Die Krusten lassen wichtige Details verschwinden und beeinträchtigen natürlich die Ästhetik“, beschreibt Jessica Ulrich den aktuellen Zustand. Mit einem Skalpell ist die Restauratorin dabei, behutsam die Schwarzpatina von einem der überlebensgroßen, etwa eine Tonne schweren Sklavenfiguren zu entfernen. Unter den Schmutzschichten kommt grüne oder dunkelbraune, in jedem Fall aber gesunde Patina zum Vorschein, die die vor 300 Jahren vom Berliner Kunstgießer Johann Jacobi verwendete Kanonenbronze schützt.

An glatten Flächen geht die Reinigung mit dem Skalpell oder weichen Bürsten problemlos, kompliziert wird es bei Hohlräumen, in die man mit dem Werkzeug nicht so einfach kommt. „Mit scharfen Mitteln wie Sandstrahl oder Schmirgelpapier dem Metall zuzusetzen, würde großen Schaden anrichten. Außerdem verbietet ein solch rigoroses Herangehen unser restauratorischer Ehrenkodex“, sagt Restaurator Peter Trappen. Um die 2000 Arbeitsstunden würden wohl schon zusammenkommen, bis der Kurfürst und die demütig zu ihm nach oben schauenden Sklaven gereinigt und mit einem farblosen Spezialwachs überzogen sind. Er soll die Bronze vor Wetterunbilden und neuen Schmutzanhaftungen schützen, wird aber auch die Optik verbessern, indem er grüne und schwarze Partien farblich angleicht.

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