Berlin : Kurfürstendamm-Theater: Der Ernst des Boulevards

Wowereit schreibt wegen der Schließung an den Chef der Deutschen Bank Die Eigentümerin bleibt aber dabei – die Bühnen müssen weg

Christian van Lessen

Um „Ernst – und seine tiefere Bedeutung“ geht es im neuesten Stück der Komödie. Morgen lädt Intendant Martin Woelffer zur Kamera- und Fotoprobe. Er wird dabei lächeln, aber nicht von Herzen fröhlich sein. Es wird ernst mit seinen Boulevardbühnen am Kurfürstendamm. Das bedeutet: Ende Dezember fällt, wie es aussieht, der letzte Vorhang.

Appelle zur Rettung gibt es reichlich. Die Bühnen gehörten zum kulturellen Grundbestand Berlins, schreibt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gestern an den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Ihr gehört das Grundstück. Die Kündigung sollte zurückgenommen werden. Proteste kommen vom Bezirk, vom Patenkreis der Schauspieler, Kulturpolitikern, Regisseuren. Der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, ruft zur Solidarität mit den Ku’damm-Bühnen auf.

„Mir liegen die Theater am Herzen“, sagt Woelffer. „Und ich merke – auch der ganzen Stadt“. Das hat inzwischen auch die DB Real Estate mitbekommen. Sie ist Tochter der Bank, Eigentümerin des Karrees und damit auch des Theaters und der Komödie am Kurfürstendamm. Sie steckt in der Rolle des Buhmanns, weil sie den Vertrag mit Woelffer für Ende 2006 gekündigt hat, die Bühnen für ein Shopping-Center abreißen will. Tim Oliver Ambrosius, ihr Sprecher, hat die undankbare Aufgabe, den Mietern und einer recht aufgebrachten Stadt erklären zu müssen, warum so traditionsreiche Bühnen weichen müssen.

Seine Begründung klingt so, als könne sein Unternehmen nicht anders, bei aller „Gesprächsoffenheit“. Als Fondsgesellschaft müsse sie den Anlegern attraktive, wirtschaftliche Ergebnisse vorweisen, sagt er. Wie bisher könne es mit dem Karree nicht weitergehen, Leerstand 30 Prozent. Es müsse bauliche Veränderungen geben. „Knackpunkt sind die zwei Theater“. Die Kündigung sei vorsorglich ausgesprochen, um eine Option für die Planung zu haben. In den nächsten Tagen und Wochen wolle sich die Gesellschaft mit Planern, Architekten und den Theaterleuten zusammensetzen und diskutieren, wie ein Theater in veränderter Form möglich sei. Wenn der Komplex umgestaltet werde, sei im zweiten Obergeschoss Platz für nur noch eine Bühne – etwa dort, wo RTL 104.6 sendet, es Museumsräume und Leerflächen des einstigen Makromarktes gibt. Das Gesamtkonzept verspreche Attraktivität und Wirtschaftlichkeit, die Leute sollten in das Karree strömen, nicht vorbeigehen. Daran, dass die Bühnen bei der Umgestaltung weg müssten, bestehe kein Zweifel.

Umgestaltung? Martin Woelffer hat da seine Zweifel. Er ist sogar ziemlich sicher, dass es auf einen Abriss großer Teile des Karrees hinausläuft, vielleicht gar nur das Hochhaus stehen bleibt. Eine neue Bühne bedeute, sich von den beiden alten und so vertrauten Namen zu verabschieden. Aber daran will Woelffer noch gar nicht denken. Wichtiger ist ihm, die beiden Bühnen am alten Platz zu lassen. Wie lange dauert es, bis ein neues Theater fertig ist? Was passiert während der Bauzeit? Wie hoch ist die künftige Miete? Vor allem: Was wird aus dem Personal? Für 2007 wurden bereits Verträge über Aufführungen geschlossen. Rund 240 000 Zuschauer kamen letztes Jahr. „Es läuft doch so gut“, sagt Woelffer.

Bald läuft vielleichts nichts mehr. Namen wie Max Reinhardt, Erich Piscator, Curt Goetz sind mit den Theatern verbunden, Boulevardgrößen wie Harald Juhnke, Rudolf Platte, Günter Pfitzmann, Wolfgang Spier und Anita Kupsch. Die Bühnen entstanden in den zwanziger Jahren nach Plänen von Oskar Kaufmann. Theater-Urahn Hans Wölffer übernahm in den dreißiger Jahren die Häuser, die Jahre später auf Drängen der Nazis „verstaatlicht“ wurden. Schwere Schäden erhielten die Bühnen im Bombenhagel, nach dem Absturz eines Flugzeugs 1943 brannten sie aus. In der Nachkriegszeit fristete das notdürftig aufgebaute Theater am Kurfürstendamm ein Kinoleben, von 1949 bis 62 war es aber schon feste Spielstätte der Freien Volksbühne. Hans Wölffer, der in den fünfziger Jahren zunächst die Komödie übernahm, wurde zehn Jahre später auch Intendant des Nachbartheaters. Waren die Bühnen zunächst nur über einen Vorplatz (mit Autohandel) zu erreichen, wurden sie 1973 vom Ku’damm-Karree umbaut. Die Entwürfe dafür stammten von der skandalumwitterten Architektin Sigrid Kressmann- Zschach, die sich auch den Steglitzer Kreisel ausdachte. Die nicht subventionierten Theater überstanden Finanzkrisen, wurden mehrmals umgebaut, Denkmalschutz blieb versagt.

Vor drei Jahren erwarb die Bank das Karree. Nun droht der Theaterabriss. Das neueste Stück, das am Sonntag Premiere hat, geht auf Oscar Wilde zurück. Was darin zunächst so sicher scheint, entpuppt sich als Täuschung.

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