Berlin : Kurierte Patienten

Apotheker machten im Januar 40 Prozent weniger Umsatz, Ärzte hatten weniger zu tun. Die Schuld daran geben sie der Praxisgebühr und den höheren Medikamentenzuzahlungen

Ingo Bach

Praxisgebühr und höhere Zuzahlungen für Arzneien – viele Berliner machen deswegen offenbar um Arztpraxis und Apotheke einen großen Bogen. „Der Umsatz mit Medikamenten auf Kassenrezept ging im Januar gegenüber dem Vormonat um 40 Prozent zurück", sagt Rainer Bienfait, Vorsitzender des Berliner Apothekervereins. Der Dezember war zwar ein sehr umsatzstarker Monat, weil sich viele Patienten vor dem in kraft treten der Gesundheitsreform mit Medikamenten eingedeckt hatten: rund 30 Prozent mehr Medikamente schoben die Apotheker damals über den Ladentisch. Aber auch im Vergleich zum Januar 2003 brach der Umsatz auf Kassenrezept um ein Viertel ein.

Der Hauptgrund dafür sei, dass sich viele Patienten die höheren Zuzahlungen für verschreibungspflichtige Medikamente nicht leisten könnten, sagte Bienfait. Sorge bereitet den Apothekern, dass gerade an den teuren - also innovativen und lebenswichtigen - Medikamenten gespart werde. Die Langzeitfolgen der fehlenden Medikamente könnten fatal sein - und teuer. Da sei zum Beispiel ein Diabetes-Patient, der seine Zuckertabletten zur Anregung der Insulinproduktion vierzehn Tage lang nicht abholte. „Die Zuzahlungen waren ihm zu hoch“, sagt Bienfait, der selbst eine Apotheke betreibt.

Weit weniger Patienten registrieren auch die niedergelassenen Mediziner in der Stadt. Allerdings spielt auch hier der Dezember-Effekt eine Rolle. Denn noch zum Jahresende stöhnten die Doktoren unter dem Ansturm von Patienten, die der Gesundheitsreform zuvorkommen wollten. Bei den Gynäkologen seien es im Januar 20 Prozent weniger Patientinnen gewesen, sagt Albrecht Scheffler, Vorsitzender der Gemeinschaft der Berliner Facharztverbände. „Viele Patientinnen erscheinen nicht zur Vorsorgeuntersuchung, weil sie die Praxisgebühr vermeiden wollen.“ Laut Gesetz sind Vorsorgeuntersuchungen jedoch von Praxisgebühren befreit. Für Scheffler ist das kein Argument: „Schon wenn ich für eine Fahndung nach Krebszellen einen Abstrich machen muss, ist das eine gebührenpflichtige Behandlung.“

Auch bei den Allgemeinärzten erscheinen weniger Patienten. Nach einer Umfrage des Berufsverbandes der Berliner Allgemeinärzte kamen im Januar zehn Prozent weniger Kranke zum Doktor, sagt Verbandschef Wolfgang Kreischer. „Das bestätigt unsere Vermutung vor Beginn der Gesundheitsreform, dass viele Patienten wegen Bagatellerkrankungen nicht mehr zum Arzt gehen.“ Das könne gefährlich sein. „80 Prozent dieser Fälle heilen zwar – aber bei 20 Prozent kommen ernsthafte Komplikationen dazu, zum Beispiel eine verschleppte Lungenentzündung."

Doch Angst um seine Praxis muss ein Arzt, der einen Umsatzverlust erleidet, nicht haben. „In Berlin gelten für die Ärzte Individualbudgets“, sagt Uwe Kraffel, Chef des Augenärzte-Verbandes. Das heißt, egal wie viele Kassenpatienten der Mediziner behandelt, er bekommt so viel Honorar wie im vergangenen Jahr. „Die Ärzte haben weniger zu tun, machen aber keinen Verlust.“

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