Kurioses : Weltmeisterschaft im Gummistiefelweitwurf

Es ist die erste WM der Disziplin auf deutschem Boden. Mit selbiger hat die gastgebende Nationalmannschaft Probleme - denn die lümmelt am Bierstand.

Torsten Hilscher[ddp]
Gummistiefel
Hoffen auf den großen Wurf -Foto: dpa

BerlinDie erste Gummistiefelweitwurf-WM auf deutschem Boden ist noch keine drei Stunden alt, und schon hat die gastgebende Nationalmannschaft Disziplinschwierigkeiten: Kämpfer der Abordnung aus Döbeln lümmeln am Bierstand.

Vor den deutschen Herren liegt das Leichtathletikstadion des Sportforums Hohenschönhausen. Es ist an diesem Wochenende Schauplatz einer Sportart, die vor allem in den skandinavischen Ländern - insbesondere in Finnland - ziemlich ernst genommen wird. "Gegen die Finnen haben wir keine Chance", räumt Erik Pater ein. Der Sportler ist Teamleiter des Vereins Spitzsteiggummi 05 Döbeln. Nicht zu verwechseln mit Stiefelgummi 04 Döbeln, der Konkurrenz, betont er. "Um gegen die Finnen zu gewinnen, müsste man schon einen goldenen Schuss haben", sekundiert Paters Mannschaftskamerad Torsten Kerl.

"Spitzsteiggummi 05"

Sagt's und schaut auf einen in der Nähe niedergehenden Stiefel, der Sekunden vorher die Hand eines finnischen Werfers verlassen hat. "Aber die Finnen trainieren ja auch vier Mal die Woche", sagt Kerl entschuldigend. Spitzsteiggummi 05 treffe sich nur sporadisch. Eigentlich sei man ein Drachenboot-Verein, in dem, wer eintritt, quasi die Doppelmitgliedschaft bekomme: Paddeln und Stiefel werfen. Dafür, fügt der Teamleiter hinzu, stellten sie aber die amtierende deutsche Meisterin im Stiefelweitwurf, Maria Bürger.

Immerhin nennt sich die Stadt ja Stiefelstadt. Auch in der Theorie ist der Verein fit: "Der Stiefel muss richtig im Wind liegen. Man wirft ihn nach oben hinaus, am besten im 45 Grad-Winkel", erklärt der Teamleiter. Geregelt ist auch das Handling. Ein rechter Stiefel wird mit der linken Hand geworfen, ein linker mit der Rechten.

71-Jähriger siegt im Seniorenwettbewerb

Inzwischen treten vier ältere Herren an den Bierstand, alle eine Bratwurst zur Stärkung in der Hand. Es sind die Senioren der 88-köpfigen finnischen Mannschaft. Die Männer haben soeben beim Wettkampf nicht nur den Deutschen, sondern auch den anderen Teilnehmern aus Estland, Schweden und Russland Respekt abgenötigt. Sieger bei den Senioren wurde der älteste Teilnehmer der WM: der 71-Jährige Olavi Väänänen aus der Nähe von Helsinki.

Erstmals bei einer Weltmeisterschaft mit dabei sind die Italiener. Nicht nur, weil ihr Land die Form eines Stiefels hat. Seit diesem Jahr kommt der offizielle Wettkampfstiefel aus Italien. Der heißt Silli, darf bei den Männern 1 Kilogramm und bei den Frauen 750 Gramm wiegen. Seine Höhe beträgt einheitlich 44 Zentimeter.

Weltrekord: 65,42 Meter

"Silli hat bessere Flugeigenschaften als alle Stiefel, die bislang gebräuchlich waren", sagt der Präsident des Deutschen Gummistiefelweitwurf-Verbandes, Fabian Lau. "Er zieht gut seine Meter. Der Werfer kann besser mit dem Wind spielen." Grundsätzlich gelte beim Gummistiefelweitwurf "70 Prozent Technik, 30 Prozent Kraft". Lau weiß, wovon er redet. Der junge Mann hält mit 52 Metern den aktuellen deutschen Rekord.

Dass die Sportart einmal olympische Weihen bekommt, glaubt er jedoch nicht. In Deutschland funktioniere der Sport nur wegen seines Spaßfaktors. Erste Ermüdungserscheinungen in der öffentlichen Wahrnehmung wären erkennbar, eine Zwangsfusion der sieben deutschen Regionalverbände fast zwingend. Wichtiger als die WM sei daher die Deutsche Meisterschaft am 18. August in Rauen bei Finsterwalde.

Ziel aller Sportler ist die bestehende Weltrekordmarke von 65,42 Metern. Natürlich hält sie ein Finne. Dass die Skandinavier auch zu feiern verstehen, wollten sie am Abend demonstrieren: In einem zum "WM-Haus" erklärten Hotel an der Landsberger Allee sollte eine "Finnische Party" mit allen beteiligten Stiefelwurfnationen stattfinden - zünftig, im holzverkleideten Pub des Hauses.

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