Kurras-Prozess : Waffen spielten immer eine Rolle

Am Freitag steht Karl-Heinz Kurras wegen unerlaubten Besitzes einer Pistole vor Gericht. Schon früher wurde der Stasi-Mitarbeiter, der Benno Ohnesorg erschoss, wegen dieses Delikts verurteilt.

Uwe Soukup
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Foto: ddp

Am Freitag findet vor dem Amtsgericht Tiergarten der Prozess wegen unerlaubten Waffenbesitzes gegen Karl-Heinz Kurras statt. Am 12. Juni, drei Wochen nach seiner Enttarnung als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), waren bei der Durchsuchung seiner Wohnung in Spandau ein Revolver und ein Totschläger gefunden worden. Zwei Wochen zuvor waren seine Waffenbesitzkarte und die dazugehörige Waffe von der Polizei eingezogen worden.

Fast 40 Jahre lang hatte sich die Staatsanwaltschaft nicht sonderlich für den Polizisten Kurras interessiert, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte. Als rechtmäßiger Besitzer einer Pistole des Typs Walther PPH ging er seinem Hobby, dem Schießsport, nach und war weiterhin Mitglied der Schießabteilung des Polizeisportvereins, im Landesjagdverband Berlin und in der Gewerkschaft der Polizei.

Waffen spielten im Leben von Kurras eine schicksalhafte Rolle. Zum zehnten Geburtstag schenkte ihm sein Vater, Polizist in Ostpreußen, die erste Pistole. Schon als Jugendlicher wurde er „Sachbearbeiter für das Schießwesen“. In den letzten Monaten des Krieges gehörte Kurras 17-jährig zum letzten Aufgebot Hitlers und wurde zwei Mal verwundet. Sein Vater fiel. Als er 1946 mit einer Waffe erwischt wurde, brachte ihm das 25 Jahre Haft im NKWD-Lager in Sachsenhausen ein. Nach einigen Jahren vorzeitig entlassen, bewarb er sich bei der Polizei in Ost-Berlin, wo man ihn aber abwies. Um weiterhin seiner Waffenleidenschaft nachgehen zu können, bewarb er sich bei der West-Berliner Polizei und wurde in Charlottenburg eingestellt.

Ein erneuter Versuch, bei der Ost-Berliner Polizei unterzukommen, führte zu seiner Anwerbung durch das MfS. Nachdem Kurras Benno Ohnesorg am Rande der Anti-Schah-Demonstration 1967 erschossen hatte, endete Kurras’ Tätigkeit für das MfS. Eine frühere Verlobte von Kurras fand wenige Tage nach dem 2. Juni 1967, als sie auf ihrem Hängeboden nach einem Koffer suchte, eine Kiste mit einer polnischen Armeepistole und 1460 Schuss Munition. Kurras wurde wegen unerlaubten Waffen- und Munitionsbesitzes zu einer Strafe von 400 DM, ersatzweise 20 Tagen Haft verurteilt.

Wiederum vom Dienst suspendiert wurde Kurras im August 1971, nachdem er von einer Polizeistreife in der Nähe seiner Wohnung schlafend und betrunken auf einer Parkbank aufgegriffen worden war. Die Eltern eines neunjährigen Mädchens hatten ihn angezeigt, weil er das Kind geküsst haben soll. In seiner Aktentasche, die neben Kurras auf der Bank lag, fanden die erstaunten Polizisten außer einer Stichwaffe auch eine Pistole. Die hatte sich Kurras von seinem Vorgesetzten aushändigen lassen, weil er sich bedroht fühlte. Die Eltern des neunjährigen Mädchens zogen später ihre Anzeige zurück, und die Sache verlief im Sande.

Im Mai 1977 versuchte ein „Stern“-Reporter, Kurras in der Nähe seiner Wohnung zu fotografieren. Anlass war der nahende zehnte Todestag von Benno Ohnesorg. Es kam zu einem Handgemenge, die Kamera ging zu Bruch. Kurras zeigte den Fotografen an. Für den Prozess benötigte er die Aussage einer zufällig anwesenden Hauswartsfrau. Im Vorfeld des Prozesses formulierte Kurras die Aussage der Zeugin. Vor Gericht zog die Zeugin ihre Aussage zurück und behauptete, von Kurras mit vorgehaltener Waffe gezwungen worden zu sein, diese Aussage zu unterschreiben, die Bedrohung durch Kurras blieb jedoch unbewiesen. Der Fotograf wurde freigesprochen, ebenso wie Kurras in einem weiteren Verfahren, in dem ihm Falschaussage und falsche Verdächtigung vorgeworfen worden waren.

In den Prozessen gegen Kurras wegen „fahrlässiger Tötung“ Benno Ohnesorgs hatte die Gewerkschaft der Polizei in den sechziger Jahren weder Kosten noch Mühe gescheut, um Kurras vor einer Verurteilung zu bewahren. Außer dem jetzigen Verfahren wird gegen Kurras von der Bundesanwaltschaft noch wegen schweren Landesverrats ermittelt. Ausgelöst durch seine Enttarnung als Geheimer Mitarbeiter des MfS ist darüber hinaus bei der Berliner Generalstaatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen Kurras wegen Mordes anhängig – an Benno Ohnesorg. In sämtlichen Prozessen muss Kurras nun auf den Beistand der GdP verzichten. Die hat ihn jetzt rechtskräftig ausgeschlossen, wie der Berliner GdP-Vorsitzende Eberhard Schönberg dem Tagesspiegel mitteilte.

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