Berlin : Kurt Czekalla, geb. 1912

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Türkis, silbern und golden schimmert das kostbare Gewand mit dem Signum des Papstes, das auf dem Tisch zurechtgelegt wird. Daneben liegt die schwarze Mitra des russisch-orthodoxen Priesters bereit. Schnitt. Im Sarg liegt ein Mann, mit weißem Spitzbart. Er trägt das Gewand, das ihm Papst Pius für seine Dienste schenkte und die Mitra. Die über der Brust gefalteten Hände halten ein großes Kreuz.

Mit der Beerdigung des Pater Kurt Czekalla in Berlin könnte ein Film beginnen. Seine Geschichte bietet weit mehr Stoff als normalerweise in einem Leben Platz hat.

1912 wird Kurtz Czekalla als ältester von sechs Geschwistern in Ratibot / Oberschlesien geboren. Zwanzig Jahre später tritt er in Mittelsteine in den Jesuitenorden ein. Czekalla geht nach Rom, studiert Theologie und Russisch und lernt die russisch-orthodoxe Spiritualität kennen und schätzen. Später wird er im byzantinisch-slawischen Ritus zum Priester geweiht. Er wird Pope.

Im Herbst 1942 kehrt Pater Czekalla nach Deutschland zurück. Zunächst ist er Seelsorger in der Jesuitenpfarrei in Oppeln. Dann wird er in die Stadtpfarrei nach Ratibor entsandt. Dort erlebt er 1945 den Einmarsch der Roten Armee. Die nächsten beiden Jahres seines Lebens sind geheimnisvoll. In den Archiven der Jesuiten findet sich nichts darüber, Pater Czekalla selbst hat keine schriftlichen Aufzeichnungen über sein Leben hinterlassen. "Ich bin nicht wichtig, Gott ist Wichtig", war seine Grundhaltung.

Aus Erzählungen von Freunden und Bekannten geht hervor, dass er nur knapp dem Tod entkommen konnte. Kurt Czekalla wird 1945 mit einer Gruppe von Männern von der Roten Armee abgeholt, um erschossen zu werden. Czekalla traf nur ein Streifschuss. Er ließ sich trotzdem fallen und lag so lange unter den Leichen der anderen bis das Erschießungskommando abgezogen war. Ausweis- und damit auch namen- und vergangenheitslos geworden, so erzählte Czekalla die Begebenheit später seinem Freund, dem Organisten Lothar Baumüller, sei er in die Identität eines russischen Offiziers geschlüpft. Die ausgezeichneten Kenntnisse der russischen Sprache halfen ihm dabei. Fast zwei Jahre galt Pater Czekalla in Rom als verschollen. In dieser Zeit, sagt Baumüller, lebte Czekalla als Offizier in Russland. Ein von Stalin unterzeichnetes Papier habe ihm besondere Kompetenz und Schutz verliehen. Wie er an dieses Papier gekommen ist, weiß niemand.

Jedenfalls, sagt Baumüller, sei es ihm gelungen vielen Fluchtwilligen den Weg aus der Sowjetunion zu ermöglichen. Niemand habe gewusst, dass der Mann mit dem Spitzbart ein jesuitischer Priester war. Als es ihm jedoch in seiner Tarnung zu gefährlich wurde, kehrte Czekalla 1947 nach Deutschland zurück, zunächst nach Köln. Die Missgunst des russischen Regimes war ihm sicher. Viele Jahre habe Czekalla sich davor gefürchtet in den Osten verschleppt zu werden, sagt Baumüller.

Während Stalin ihn suchen ließ, bekam er vom Papst in Rom als Dank für seine Dienstes das kostbare Gewand, das er bei seiner Beerdigung trug.

In den folgenden Jahren nutzte der Orden Czekallas Organistaionstalent und seine außergewöhnlichen Sprachkenntnisse - mindestens sechs Sprachen beherrschte er fließend. Er wurde in Köln, Salzburg und Linz eingesetzt, um den unzähligen Heimatvertriebenen bei den ersten Schritten in den Westen zur Seite zu stehen. 1954 gehörte er zur Ordenskommunität jener Jesuiten, die sich in der Münchener Röntgenstraße der Seelsorgen von Exilrussen widmeten.

1960 brach Kurt Czekalla noch einmal ins Ausland auf. Die Jesuiten wiesen ihm ein eigenes Missionsgebiet im damaligen Rhodesien, heute Zimbabwe, zu. Nach seinen Vorstellungen entstand am Rande des Buschlandes das "Canisiushouse", ein Treffpunkt für die bis dahin oft von der Außenwelt abgeschnittenen christlichen Missionare. Jahrzehnte lang war es ein wichtiger Ort des geistigen und geistlichen Austauschs unter den Mitbrüdern der verschiedenen Missionsstationen.

Ohne Möbel und Erinnerungsstücke kommt Czekalla 1970 nach Berlin. Vier Jahre später übernimmt er die Gemeinde in Kladow. Er, der mit Ministern, Staatsmännern und höchsten Würdenträgern der Kirchen umgehen konnte, wollte ein normaler Pfarrer sein. "Wenn er ins Zimmer kam", erinnert sich Helga Baumüller, die langjährige Pfarrsekretärin des Paters, "ging die Sonne auf. Er strahlte soviel Güte und Wärme aus, dass es eine große Freude war, mit ihm zusammen zu sein." Zwischen dem Pater und der Familie Baumüller entwickelte sich eine Freundschaft. Oft lud der Priester das Ehepaar zum Essen ein. "Er machte den besten Borscht, den ich je gegessen habe", sagt Lothar Baumüller.

Pater Czekallas Hauptaufgabe blieb die Seelsorge. Er gewann schnell das Vertrauen der Gemeinde, seine Predigten zogen Menschen aus ganz Berlin an. Und Czekalla merkte, woran es in Kladow mangelte. Seit Jahrzehnten feierte die Gemeinde den Gottesdienst in einer alten Barackenkirche. Czekalla plante einen Kirchbau. Seine Kirchenpläne wollte das Bischöfliche Bauamt mit, wie Czekalla sagte "Betonbrutalismus" befriedigen. So gütig Pater Czekalla als Seelsorger war, so hart blieb er in diesem Fall. In politischer Diplomatie konnte ihm kaum einer etwas vormachen. Durch den klugen Verkauf eines gemeindeeigenen Grundstücks und manche glücklichen Zufälle, entstand in Kladow - ohne finanzielle Unterstützung des Ordinariats - die Mariä Himmelfahrtskirche ganz nach den Vorstellungen von Kurt Czekalla und seiner Gemeinde. Eine Kirche gebaut aus Stein, Holz und Glas. Der ehemals ablehnende Kardinal Meisner musste zugeben: "Diese Kirche ist wohl die schönste, die nach dem Krieg in Berlin gebaut wurde." 1987 kurz nach Fertigstellung der Kirche verabschiedete sich Pater Czekalla in den Ruhestand. Seiner Aufgabe als Seelsorger ging er jedoch bis zu seinem Tod bei der Schwesternschaft der Neuköllner Marienschule nach.

Vor dem Altar, während der Liturgie zu sterben, das war sein größter Wunsch. Er wurde ihm nicht ganz erfüllt. Man fand den Pater zusammengesunken vor dem Bett als die Schwestern ihn zur Frühmesse abholen wollten. Auf dem Schreibtisch lag die fertige Predigt. Sie wurde am darauffolgenden Tag während der Messe vorgelesen.

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