Berlin : Kurt Krigar (Geb. 1921)

Für die Seiltänzerin Camilla kletterte er aufs Seil über den Ruinen.

Lothar Heinke

Geschossen hat er nie im Krieg, jedenfalls nicht mit dem Gewehr. Auf andere Weise, auf seine eigene, hatte er den Finger am Abzug. Der wird Auslöser genannt und ist Teil der Kamera, die zeitlebens Kurt Krigars drittes Auge war. Dreimal hat sie ihm das Leben gerettet, im Krieg an der Ostfront. Seit 1941 stand „Kriegsberichterstatter“ in seinem Soldbuch.

Der junge Kurt Krigar war drei Jahre zuvor, kurz vor dem Abitur von der Schule gegangen, um an der renommierten Reimann-Schule Kamera und Regie zu studieren – natürlich gegen den Willen der Eltern. Die praktische Berufsausübung begann gleich danach mit Stahlhelm und Uniform zwischen Schützengräben und Marschkolonnen: Die „Deutsche Wochenschau“ brauchte Bilder vom Vormarsch nach Russland, die Kolonnen mussten stets so gefilmt werden, dass sie auf der Leinwand von links nach rechts, gen Osten, marschierten.

Er saß mit anderen Soldaten in einem Kübelwagen Richtung Front, als das Fahrzeug über eine Panzermine rollte. Alle Soldaten waren tot, bis auf Kurt Krigar. Der hatte auf einem Metallkoffer mit seiner Kamera gesessen. Als er später nach Stalingrad sollte, war die russische Einkesselung so weit fortgeschritten, dass er vor dem Ziel kehrtmachen konnte. Und einmal, an der Westfront, gehörte er zu einer Reihe von Delinquenten, die zum Tode verurteilt wurden, weil sie despektierliche Witze erzählt hatten. Generaloberst Jodl schritt die Reihe der Verurteilten ab und erkannte den Kameramann, der ihn schon öfter abgelichtet hatte. „Der hier ist kriegswichtig“, befand der General. Und Krigar war gerettet, ein weiteres Mal.

Dann kam das Ende, und der Kriesgsberichterstatter dachte schon an den Anfang. Bevor er in der Eifel von den Amerikanern gefangen genommen wurde, hatte er seine Kamera vergraben. Er grub sie wieder aus, als er in den Frieden entlassen wurde. Die neu gegründete Defa in Ost-Berlin empfing den Mann, der gleich mit seinem Arbeitsgerät kam, mit offenen Armen: Die Wochenschau „Der Augenzeuge“ brauchte Filmaufnahmen, jetzt vom Aufbau einer neuen Welt. Kurt Krigar war „Regiekameramann“.

Der stattliche und lebensfrohe junge Mann verliebte sich in seine Schnittmeisterin Anneliese, mit der er 63 glückliche Jahre zusammenleben sollte. Damals flimmerten zwischen der Wochenschau und dem Hauptfilm sogenannte Kulturfilme über die Leinwand. An solchen Filmfeuilletons arbeiteten die beiden zusammen. Für einen Beitrag über die Seiltänzerin Camilla vom Zirkus Sarrasani kletterte Kurt Krigar samt Kamera hoch auf das über den Trümmern Berlins gespannte Seil; er suchte immer den besonderen Blick. Und er hatte Gespür und Glück, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein.

Bei der Defa kam es zu politischen Differenzen, und von der Fox-„Tönenden Wochenschau“, dem westlichen Pendant des Augenzeugen bekam Kurt Krigar ein Angebot. Er wurde Berlin-Chef der Fox, fuhr mit seiner Arriflex-Kamera von einem Ereignis zum nächsten, quer durch die Welt. Er filmte den ersten Lufthansa-Flug nach New York, war in Chile und Japan, Marokko, Ägypten, Indonesien, beim Papst und beim Fußball-Länderspiel Sowjetunion gegen Westdeutschland. Und natürlich filmte er die Ereignisse in der Vier-Sektoren-Stadt. Hier kannten ihn alle Wichtigen. Über Willy Brandt sagt er nach der ersten Begegnung: „Der ist was Besonderes. Wird bestimmt mal Bürgermeister.“ Später grüßte Brandt schon von weitem, wenn sie sich beim Spaziergang am Schlachtensee begegnen: „Tach, Herr Krigar.“

Kurz nach dem Mauerbau fuhr der Reporter mit seinem Wagen durch die Bernauer Straße und entdeckte eine ältere Frau, die im fünften Stock aus dem Fenster guckte. Er hielt an, klingelte bei der Frau und ließ sie erzählen, was sie erlebt hatte, und was sie dachte, wenn sie in den nahen Osten sah. Er richtete Kamera und Tonband ein, die Frau berichtete: Von Schäferhunden an der Mauer, von Volksarmisten, halben Kindern noch, die sich wegdrehten, wenn sie gegrüßt wurden, von Leuten, die weinend winkten. Krigar filmte das alles und es wurde ein Zehn-Minuten-Film, zehn quälende Minuten über die brutale Wirklichkeit einer Grenze quer durchs Herz der Stadt.

„Die Aussicht“ war kein Propagandawerk des Kalten Krieges, sondern ein nachdenkliches Porträt einer Frau in ihrer Zeit. Der Film wurde mehrfach preisgekrönt und läuft jetzt, im Jubiläumsjahr des Mauerfalls, im Mauermuseum und im Zeughauskino. Eine Nachrichtenagentur schrieb unter der Überschrift „Baby, Bargeld, Bundesfilmpreis“: „Am Sonntag, dem 26. 6. 1966, bekam Krigar das Filmband in Silber für den besten Kurzdokumentarfilm des Jahres. Am gleichen Tag komplettierte seine Frau den Erfolg, indem sie ihm eine Tochter schenkte. Sonntagskinder bringen Glück – und 30 000 DM ins Haus.“

Die Kino-„Wochenschau“ wurde bald ein Opfer des Fernsehens, statt der Kurzfilme wurden in den Kinos Werbeschnipsel gezeigt. Krigars Hommage an das 750-jährige Berlin, ein Auftrag des Senats, ist sein letzter Film. Danach hatte er wieder mehr Zeit für die Familie und erlebte, wie sich sein künstlerisches Talent und die Tatkraft seiner Frau auf die Kinder vererbt hatten: Katja, die Jüngste, wird Fernsehreporterin, Thilo Musiker und Komponist, André wird ein bekannter Maler. Lothar Heinke

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