Berlin : Kurt Lütge, geb. 1925

David Ensikat

Jedes Jahr, am zweiten Sonntag im Januar war Kurt Lütge demonstrieren. Direkt vor seinem Haus, am Platz der Vereinten Nationen, früher Leninplatz, ging es los, Ziel war die "Gedenkstätte der Sozialisten" in Friedrichsfelde, da, wo Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und jede Menge DDR-Funktionäre begraben sind. Gemeinsam mit seiner Frau trug er ein Transparent, auf dem stand: "Luxemburg, Liebknecht, Lenin - niemand ist vergessen. Aufstehen und Widerstehen".

Die DDR war sein Land gewesen, ihm war er treu, bis es in sich zusammensank. Das westliche und das vereinigte Deutschland nannte er "BRD" - so wie das merkwürdigerweise kaum jemand tut, der die Bundesrepublik mag. Wenn Kurt Lütge "BRD" sagte, war jedenfalls klar: Dieses Land ist ihm fremd, er mag es nicht. Auf der Traueranzeige im "Neuen Deutschland" stand: "Der Kommunist Kurt Lütge kann nicht mehr mit uns für eine bessere Welt kämpfen".

Der Vater Karl war Kommunist, die Mutter Martha und die großen Brüder Erwin, Heinz und Herbert auch. In Prenzlauer Berg wohnte die Familie, dort machten sie Parteiarbeit, als man noch an die bevorstehende proletarische Revolution glaubte. Für den kleinen Kurt waren das aufregende Zeiten. Weil er ein Angsthase war, ließen ihn die Eltern nicht allein zu Hause und nahmen ihn immer zu den Parteiversammlungen mit. Eine Maidemonstration blieb ihm im Gedächtnis haften: Sieben Jahre mag er da alt gewesen sein, als ihn ein Bruder auf den Schultern mit in den Wedding nahm. Auf einer Bühne spielte ein Balalaika-Orchester, dann kamen die Nazis, es gab eine Saalschlacht, und dann kam die Polizei und nahm vor allem Kommunisten fest. Auch Kurt und seinen Bruder. Auf der Polizeiwache trafen sie die Mutter, die war schon vorher verhaftet worden. Um mit Kurt schnell wieder rauszukommen, täuschte sie einen Herzanfall vor. Es funktionierte. Und Kurt war trotzdem klar: Das hier ist kein Spiel, das ist Kampf. "Klassenkampf" nannten es die Eltern und die großen Brüder.

Noch viel ernster wurde es, nachdem die Nazis die Macht ergriffen hatten. Da war es aus mit den Zusammenkünften der kommunistischen Gruppen, der proletarischen Orchester, der Arbeitervereine, bei denen das Kind Kurt den Klassenkampf auch als durchaus gesellige Angelegenheit kennen gelernt hatte. Im September 1933 durchsuchten Geheimpolizisten die Wohnung der Lütges und fanden ein Flugblatt. Vater Karl kam für neun Monate ins Gefängnis, Bruder Heinz wegen ein paar Beitragsmarken des Arbeitersportvereins für die doppelte Zeit. Wäre der große Stapel Flugblätter gefunden worden, den die Mutter noch im Klo hatte verstecken können - Kurt hätte seinen Vater wahrscheinlich nie wieder gesehen.

Wer ist gut, wer böse?

Dann wurde Kurt erwachsen. In einem Land, von dem er nur zu gut wusste, dass es von Verbrechern regiert wird. Kaum war er 18, schickten sie ihn in den Krieg. An der Ostfront sollte er auf die Russen schießen - auf die, von denen es zu Hause immer hieß: Die haben den Kommunismus, das sind unsere Brüder, unsere Klassenbrüder. Kurt Lütge hatte Unglück im Glück: Er kam nicht dazu, auf die Brüder zu schießen; sie trafen ihn zuerst. Zwei Schüsse durchs Bein. Die Front zog sich wieder auseinander, der Soldat Lütge blieb blutend in der Mitte liegen. Zwei Tage im Schnee.

Dann holten ihn "die Seinen", die Deutschen, raus, brachten ihn ins Lazarett, und er hatte Glück im Unglück: Er bekam den Gasbrand, aber das Bein wurde nicht amputiert. Der Soldat Lütge blieb mit seiner schweren Verwundung im Krankenbett, das mit der Front immer weiter nach Westen verlegt wurde. In Berlin holte ihn die Rote Armee, und Kurt Lütge, der Kommunist, wusste: Dies ist eine Befreiung. Von den roten Fahnen der Nazis trennten die Lütges die Hakenkreuze ab und machten sich sogleich daran, die übrig gebliebenen Genossen zusammenzutrommeln.

Dass Gut und Böse aber nie ganz klar zu trennen sind, musste Kurt Lütge bald erfahren: Bruder Erwin, wie gesagt ein Kommunist, wurde auf der Straße mit einer Pistole erwischt - er wollte als Hilfspolizist für Ordnung sorgen. Nun wurde er selbst verhaftet und kam für vier Jahre ins ehemalige KZ Sachsenhausen. Ein anderer Bruder, der Herbert, kam 1949 aus der Kriegsgefangenschaft in Jugoslawien zurück, hatte so seine Erfahrungen gemacht und sagte: Der Stalin, das ist ein schlimmer Verbrecher.

Im Sommer 1946 hatte Kurt Lütge bei einer großen SED-Parteiversammlung von Wilhelm Pieck ein Kommunistisches Manifest in die Hand gedrückt bekommen. Auf der hineingeklebten Widmung hieß es: "Sei allzeit Kämpfer für unsere Partei! Studiere unermüdlich die Werke unserer großen Lehrmeister Marx, Engels, Lenin und Stalin! Handle stets mutig und folgerichtig nach ihren Lehren!" Ja, das wollte er tun. Sein Leben lang für die Partei da sein, die "historische Mission der Arbeiterklasse" erfüllen helfen. Was Kurt Lütge in seinen jungen Jahren erlebt hatte, genügte, einen klaren "Klassenstandpunkt" zu beziehen. Der ließ ihn die fürchterlichen Erlebnisse der Brüder ins weltrevolutionäre große Ganze einordnen.

Es geschah so viel in diesen Jahren, lauter Dinge, die jemanden wie Kurt Lütge treu werden lassen, die so etwas wie einen Glauben erzeugen. Er war sich sicher, auf der einzig richtigen Seite zu stehen, da wo der Frieden gewahrt wird, da, wo die gute, sozialistische Gesellschaft entsteht. Er fuhr am Weltfriedenstag 1949 übers Szczeciner Haff und rief, die Ostsee solle ein "Meer des Friedens" werden - damals war das keine hohle Floskel. Er war dabei, als FDJler mit Fackeln die Gründung der DDR feierten und mit Erich Honecker gemeinsam gelobten, "der Republik treu zu sein".

Aber die Nazis hatten doch ganz ähnliche Fackelzüge organisiert . . . Nichts lag Leuten wie Kurt Lütge ferner, als solche Parallelen zu ziehen. Jetzt waren die Antifaschisten an der Macht!

Die Auseinandersetzungen im geteilten Berlin waren "Klassenkampf": Die im Westen lockten mit den schicken Dingen und dem guten Geld, im Osten schufteten sie für den Kommunismus. Zu Tausenden zogen die Leute von Ost nach West; Kurt Lütge war dabei, als Leute den entgegengesetzten Weg gingen. Mit Blauhemden und Fahnen wurden sie in den Ostsektor begleitet.

Und Kurt Lütge war auch dabei, als die Stalinallee aufgebaut wurde. In Sonderschichten räumte er, damals schon Gewerkschaftsfunktionär, alte Trümmer weg. Hier baute sich die Arbeiterklasse ein fürstliches Zuhause. Ein Jahr, nachdem Bauarbeiter der Stalinallee und Tausende andere gegen den "Staat der Arbeiter und Bauern" demonstriert hatten, bekam Kurt Lütge einen Brief aus dem Roten Rathaus: Der Glückliche war auserkoren, mit Frau und Kindern eine 99-Quadratmeter-Wohnung mit Heizung, Bad und Warmwasser zu bekommen. Und das auch noch im schicksten Haus von allen, dem südlichen Hochhaus am Strausberger Platz. Da lag sogar Parkett in den Zimmern. Beim nördlichen Hochhaus hatte das Geld für so viel Luxus nicht mehr gereicht.

32 Jahre lang war Kurt Lütge FDGB-Funktionär, zuletzt arbeitete er als stellvertretender Vorsitzender der Bezirksgewerkschaftsleitung Post- und Fernmeldewesen. Zumeist saß er am Schreibtisch, organisierte Berufswettbewerbe, Ferienlagerfahrten und Treffen mit ausländischen Delegationen. Aber er war auch unterwegs in den Betrieben. Das war nicht selbstverständlich: Lütke hatte Funktionärskollegen, die sich der komplizierten Realität der Arbeiterwelt nicht aussetzen mochten. Kurt Lütge begab sich "an die Basis", führte Plandiskussionen und ordnete die Widersprüche, die er hier sah und erlebte, in sein Bild vom funktionierenden sozialistischen Staat ein. Sein "Klassenstandpunkt" half ihm dabei.

Flucht vom Alexanderplatz

Er ordnete die Dinge so gewissenhaft ein, dass er aus allen Wolken fiel, als 1989 die Leute massenhaft auf die Straße gingen, um gegen seinen sozialistischen Staat zu demonstrieren. Am 4. November war er mit seiner Frau Ruth auf dem Alexanderplatz - nicht um zu demonstrieren, sondern um mit eigenen Augen zu sehen, was doch so nie hätte geschehen dürfen. Das waren ja keine Konterrevolutionäre, die da die Freiheit einforderten, das waren auch Genossen. Den kurzen Weg nach Hause, zum Strausberger Platz beschreibt Ruth Lütge als "eine Flucht". Eine Flucht vor dem Unbegreiflichen.

Bis in die Nacht diskutierten die Lütges in jenen Tagen mit Freunden und Genossen. Wenn sich SEDler im Lustgarten versammelten, um für ihre Partei zu demonstrieren, dann waren sie dabei und sangen mit Tränen in den Augen die DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen". Es war ihre Hymne.

Als dann noch die Grenzen aufgingen, war das für Kurt Lütge nicht nur ein historisches Problem. Der Lärm der Autos, die auf dem Weg zu den Grenzübergängen in rauen Mengen über den Strausberger Platz rasten, raubte ihm den Schlaf. Bei allem Komfort - besonders lärmisoliert war die Wohnung im Stalinbau nicht.

Am 30. Juni 1990 feierte Kurt Lütge seinen 65. Geburtstag. Wie immer waren viele Leute gekommen, wie sonst nie waren sie schon um 22 Uhr alle wieder weg. Die Stimmung war gedrückt. Und ab 23 Uhr raubte eine laute Feier auf der Straße den Lütges den Schlaf: Laut johlend fuhren Hunderte in ihren knatternden Zweitaktern hin und her, schwarzrotgoldene Fahnen wurden geschwenkt, die Westmark wurde begrüßt. Ab 0 Uhr sollte sie im Osten gelten, auf dem Alexanderplatz öffnete um Mitternacht eine Bank, um das erste Westgeld auszuzahlen.

Dass die Lütges im September 1991 vom Strausberger Platz wegzogen, lag nicht nur am tosenden Lärm der anschwellenden Blechlawine. Die Miete sollte plötzlich nicht mehr 114 sondern 900 Mark kosten. Das war zu viel für Kurt Lütge. Zur DDR-Zeit hatte er als ehemaliger Funktionär eine überdurchschnittliche Rente bekommen, nun galt er als "staatsnah", und sein Rentenanspruch wurde beschnitten. Es fand sich eine weniger teure Wohnung an nicht minder geschichtsträchtiger Stelle: am Leninplatz.

Lenin - das war für Kurt Lütge noch einer, der für die Reinheit der sozialistischen Lehre stand. Dass da Fehler und Verbrechen in der Sowjetunion und auch in seiner DDR geschehen waren, das hatte Lütge in den vergangenen Monaten schmerzhaft lernen müssen. Dass sie nun auch noch den Lenin schleifen wollten, ging aber zu weit. Kurt Lütge kämpfte noch einmal - einen aussichtslosen Kampf. Zwei Monate, nachdem die Lütges gegenüber dem roten Denkmal eingezogen waren, hob ein Kran Lenins Kopf in die Höhe und ließ ihn auf einem Tieflader nieder.

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