Berlin : Kurze Beute

Lothar Heinke

Wir haben es schon immer geahnt, aber nun ist es bewiesen: Die Presse ist eine Macht! Bedrucktes Papier zwingt Räuber, ihre Beute kleinlaut an den Tatort zurückzubringen. Das Gewissen der Diebe schlug offenkundig so dröhnend wie die Glocke im Schöneberger Rathaus, als alle Zeitungen jene Bürgermeisterbilder abdruckten, die vor Kurzem aus dem Amtsgebäude am John-F.-Kennedy-Platz geklaut worden waren. Da ahnten der oder die Täter wohl, dass mit so stadtbekannt gemachten Porträts honoriger Herren nicht mal auf dem Flohmarkt Kohle zu machen wäre. Der Coup war geplatzt. In dunkler Nacht haben sie die zehn Bildnisse nun, sorgfältig verpackt und in grauen Müllsäcken verstaut, vor den Lieferanteneingang an der Rückseite des Rathauses Schöneberg gelegt. Dort fand sie gestern früh ein Mitarbeiter der Poststelle. Das Rathaus stand kopf, vielleicht gab es sogar einen Prosecco vor Freude, dass die Bürgermeister in Öl wieder heimgekehrt sind.

Berlin ist arm, sexy und so chaotisch, dass man sogar Bürgermeister klaut. Und manche Diebe sind dreist, aber ehrlich.

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