Berlin : Kurze Wege von Nofretete bis zum Großen Kurfürsten

Einheit in der Vielfalt der Gebäude: Warum Berlins Museumsinsel die „Archäologische Promenade“ als Zukunftsinvestition benötigt

Bernhard Schulz

Vorbei an Schadows Büste Friedrichs des Großen und sechs seiner Generäle geht es im hinteren Kuppelraum des Bode-Museums ins Obergeschoss. Doch die geschwungene Doppeltreppe in schönstem friderizianischem Rokoko hat nun auch einen Abgang in den Keller bekommen. Bei der Sanierung des maroden Bauwerks durch den Wiener Architekten Heinz Tesar wurde ein zusätzlicher Raum im Untergeschoss geschaffen, von dem eine weitere Treppe ins Dunkel führt.

Dieses Dunkel liegt bereits unter der Stadtbahntrasse, die unmittelbar an der Außenwand des Bode-Museums entlang verläuft und es vom benachbarten Pergamonmuseum trennt. Bis zum Krieg gab es eine Brückenverbindung über die Bahngleise hinweg. Künftig soll die Verbindung unterirdisch verlaufen: Teil der „Archäologischen Promenade“, die die Staatlichen Museen zur Verbindung der Museen auf der „Insel“ – mit Ausnahme der Alten Nationalgalerie – planen. Der Bundesrechnungshof hat, wie berichtet, an dieser Planung wegen der hohen Kosten Anstoß genommen.

Im Neuen Museum, derzeit nach weitgehender Kriegszerstörung im Wiederaufbau begriffen, besteht das Sockelgeschoss aus Ziegelgewölben, wie man sie aus dem frühen Industriebau Berlins kennt. Auch diese Räume werden einmal Teil der Promenade sein. Sie verläuft von Schinkels Altem Museum über das Neue Museum zum Pergamonmuseum, bevor sie im Bode-Museum endet – ein Weg, der Auf und Ab kennt, der niedrige und hohe Räume verbindet, Wegstrecken und Ausstellungsräume – Räume, wie die Staatlichen Museen meinen, „die in ihrer jeweiligen Prägung den Charakter jedes einzelnen Gebäudes widerspiegeln“.

Herzstück wird der Publikumsmagnet Pergamonmuseum mit seinen architektonischen Schaustücken der Antike sein, wird doch das Museum nach der Schließung seiner offenen Flanke am Kupfergraben durch einen gläsernen Flügel einen vollständigen Rundgang erlauben.

Alles Zukunftsmusik: denn obwohl die Staatlichen Museen bereits eine genaue thematische Abfolge der einzelnen Abschnitte der Promenade entworfen haben (nachzulesen unter www.museumsinsel-berlin.de), wird die Entscheidung über den Bau dieses unterirdischen Verbindungsweges wohl noch Jahre auf sich warten lassen. Vorrang hat die Sanierung der Altbauten. Das haben die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Haushälter des geldgebenden Bundestages immer wieder betont. Und doch ist eine solche Verbindung, die dank ihrer thematischen Gliederung weit mehr ist als ein bloßer Verbindungsgang, bitter nötig.

Denn die Bauten auf der Museumsinsel sind allesamt Solitäre. Unverbunden stehen sie nebeneinander, für jedes von ihnen muss ein eigener Eingang aufgesucht werden. Bei den Besucherströmen, die Jahr für Jahr anschwellen – zuletzt durch den Umzug der Nofretete von Charlottenburg auf ihre angestammte Insel – ist die Trennung der Häuser ein gewaltiges Handicap. Insbesondere Touristengruppen wollen die Vielfalt der Museumsinsel, auf der 6000 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte vom Zweistrom- bis zum Abendland gezeigt werden, im Ganzen erfahren können, ohne für jedes Museum beschwerliche Umwege in Kauf zu nehmen. Denn die Eingänge der vier Häuser zeigen noch dazu in alle Himmelsrichtungen, erfordern also vom Lustgarten bis zur Inselspitze gehörige Fußmärsche.

Dieses Konzept hat herbe Kritik einstecken müssen. Vom „Schnelldurchlauf“ war die Rede. Nun haben allerdings nicht alle Besucher tagelang Zeit, die schier unübersehbaren Schätze der Museen zu erkunden. Gleichwohl bleibt es jedem Besucher unbenommen, das Haus seiner Wahl durch den gewohnten, eigenen Eingang zu betreten. Die Bedürfnisse von Einzel- und Gruppenbesuchern müssen aber, das ist nun einmal ein Erfordernis angesichts von bereits 2,5 Millionen Jahresbesuchern, miteinander in Einklang gebracht werden.

Gern wird in Berlin auf den Pariser Louvre und die Pyramide von Altmeister I.M.Pei in dessen Hofmitte verwiesen. Unter der gläsernen Pyramide erstreckt sich ein gewaltiges Kellergeschoss, das allein der Verteilung der sechs Millionen Jahresbesucher auf die drei Hauptbauteile des ehemaligen Königsschlosses dient. Infostände, Einzelkassen und Kassenautomaten, seitlich anschließend die Garderoben erfüllen die Voraussetzungen, um überhaupt den Museumsbesuch zu beginnen. Gleichwohl ist der Louvre ein gewaltiges Labyrinth mit mehreren Stockwerken, endlosen Sälen und diversen Treppenhäusern. Einen „Schnelldurchlauf“ gibt es in keinem der Universalmuseen der Welt, nicht im New Yorker Metropolitan Museum, nicht im Londoner British Museum und schon gar nicht in der Petersburger Eremitage.

Nur Berlin hat allerdings ein Universalmuseum in mehreren, unverbundenen Häusern. Diese wenig einladende Situation zu verbessern, wurde die „Archäologische Promenade“ ersonnen, die jedem Museum seinen Charakter als Solitärbau belässt, sich aber geschickt der vorhandenen Bausubstanz in den Sockelgeschossen bedient. So gäbe es nur drei Teilstücke zwischen den Häusern gänzlich neu auszuschachten. Und schon käme man ohne Umstände von Schinkel zu Bode, von Alt-Ägypten zur Renaissance, von Nofretete zum Großen Kurfürsten. Dieses Konzept ist so einleuchtend, dass sich die Budget-Verantwortlichen zu einer früheren Bewilligung entscheiden sollten: Um die aufwändig sanierten Museumsbauten so früh als möglich zu einer Einheit in Vielfalt zu verbinden, wie sie in der Welt nicht ihresgleichen hat.

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