Berlin : Kurzer Bremsweg

Wofür Tempo 10 gut ist

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Autonarren graust es, aber Fußgänger dürften ihre Freude haben, wenn in der Spandauer Vorstadt bald Tempo 10 gilt. Denn die Regelung wird Flaneuren und Kindern in den Sträßchen nördlich des Hackeschen Marktes das Leben nicht nur ruhiger, sondern vor allem auch sicherer machen.

Noch ist auf den kleinen Straßen Tempo 30 erlaubt. Das klingt nicht gerade nach Raserei; ein modernes Auto steht bei Vollbremsung auf trockener Straße nach rund vier Metern. Nimmt man aber die Reaktionszeit des Fahrers hinzu, bevor er auf die Bremse steigt, werden schon über zwölf Meter daraus. Bei Tempo 10 sind es nur knapp drei Meter für die Schrecksekunde und ein halber für’s Stoppen. Deutlicher: Wo das Auto bei Tempo 10 schon steht, hätte der Fahrer bei 30 km/h noch nicht einmal angefangen zu bremsen. In Wohngebieten ist Tempo 30 üblich, aber gerade in GründerzeitKiezen sind seit den 80er Jahren zusätzlich „verkehrsberuhigte Bereiche“, so genannte Spielstraßen, entstanden, in denen nur Schritt gefahren werden darf und Kinder sich guten Gewissens auf der Straße aufhalten dürfen. Diese Variante wäre den Planern auch für die Spandauer Vorstadt recht gewesen, scheitert aber am unbezahlbar aufwändigen Umbau der Straßen: Gehwege und Fahrbahn hätten auf gleiches Niveau gebracht werden müssen, auch Grünflächen und Bänke gehören meist dazu. In der Spandauer Vorstadt dagegen müssen Poller und weit an die Kreuzungen vorgebaute Gehwege reichen. Die Kosten dafür bezifferte das Bezirksamt Mitte auf rund 8000 Euro pro Kreuzung. Zum Vergleich: Für die bevorstehende Grundsanierung der Linienstraße, die zur Fahrradstraße nur für Radler und motorisierte Anlieger werden soll, sind 3,2 Millionen Euro eingeplant. „Vor allem die Regen-Entwässerung der Straßen ist unheimlich teuer“, sagte ein Mitarbeiter der Stadtentwicklungsverwaltung.

Tempo 10 in Berlin ist neu, aber die ersten Spielstraßen entstanden schon 1979 um den Klausenerplatz in Charlottenburg. Wrangelkiez und Gräfestraße in Kreuzberg folgten. „Die ersten der eckigen blauen Schilder haben wir uns noch selbst zusammenbasteln müssen“, sagt ein Verkehrsplaner. In dem großen Spielstraßenbereich zwischen Beussel-, Strom-, Siemens- und Turmstraße in Moabit wurde vor einigen Jahren das veränderte Unfallgeschehen untersucht. Ergebnis: 73 Prozent weniger Schwerverletzte und 53 Prozent weniger leichte Blessuren. Nur die Kosten der Blechschäden gingen kaum zurück, denn beim Einparken knirschte es wie eh und je.obs

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