Berlin : Kurzmeldungen

NAME

THEKENTANZ

White Trash

Fast Food

Torstraße, Ecke

Borsigstraße, Mitte

Wollen Sie sich einmal richtig fehl am Platze, falsch angezogen, einsam und überflüssig fühlen? Das ist jetzt ganz einfach in dieser Stadt, noch einfacher als sonst und mit einem einfachen Besuch im White Trash Fast Food möglich. Der Reihe nach: Schon viel hatten wir gehört vom White Trash, völlig interessant sei der Laden, ein weiteres Highlight an der Torstraße, endlich mal wieder was Neues, also, etwas wirklich Neues und man könne dort sogar gut essen, hatten wir gehört. Eigentlich wären wir gerne zu Hause auf dem Sofa sitzen geblieben, während alle anderen draußen Amok laufen und sich in lauer Sommernacht um die besten Bürgersteig-Plätze kloppen. Ein merkwürdiger Regen- und Egoistensommer dieses Jahr. Entweder, alles ist nass oder es wird sich gekloppt. („Schließlich hab’ ich mir diesen Sessel hart erarbeitet. Da bleib ich jetzt sitzen, und sollte ich mal kurz aufstehen müssen, leg’ ich meine Handtasche und meine Regenjacke darauf ab wie das Handtuch auf die Pool-Liege. Ätsch.“) Jedenfalls hat das White Trash dieses Draußen-Terror-Problem nicht, weil man dort gar nicht an der frischen Luft sitzen kann.

Drinnen sieht alles noch so aus wie früher, als der Club noch kein Club, sondern ein China- oder Japan-Restaurant war, das einen an eine russische Puppe erinnert. Zuerst kommt ein großer Raum, der in einen etwas kleineren übergeht. Dann kommt ein weiteres schmales Zimmer und zum Schluss ein ganz kleines, aber da darf man nur mit Reservierung rein. Frühlingsrollen-Ambiente überall. Bloß, dass an den Tischen jetzt seltsam angezogene, junge Menschen sitzen, die nicht Deutsch sprechen. Wir waren zwei, drei Stunden dort und haben folgende Sprachen gehört: amerikanisches Englisch, britisches Englisch, Norwegisch oder Dänisch, Niederländisch und Französisch. Am meisten Französisch. Ein paar Französinnen konnten sogar Deutsch, sprachen es aber nicht. Das haben wir so gemerkt: „Ach du liebes bisschen“, zischt mein Begleiter, „guck dir mal diese Französin mit der langen Opa-Unterhose und den weißen Pumps an! Meinst du, das kommt im Herbst auf uns zu?“ In diesem Augenblick warf uns die Pseudo-Französin einen vernichtenden Blick zu. As seen in „Jeune et jolie“! Le dernier cri! Wir kamen uns unsagbar bescheuert vor, weil wir keine Chance haben würden, die Sache wieder gut zu machen. Selbst wenn wir morgen Abend in langen Unterhosen und weißen Pumps ins White Trash gingen! Dann wäre der Dresscode schon ein anderer.

Unser Selbstwertgefühl war gebrochen, worauf ich meistens mit Magenknurren reagiere und mein geschockter Begleiter mit Durst. Eine Viertelstunde später trafen wir uns am Tisch wieder (es hatte sich niemand auf unsere Plätze gesetzt, die anderen am Tisch unterhielten sich angeregt auf Skandinavisch), der Mann mit einem Bier in der Hand, ich mit einem kleinen Salat vom Buffet. „Hast du diese Barfrau mit den Hotpants gesehen“, rief er. „Die hat gaaaanz oben auf dem Oberschenkel eine Tätowierung!Süß!“ Ich aß den Salat. Die Musik war im Prinzip eine lange Unterhose aus Vinyl: Wir verstanden sie einfach nicht. Einmal hörten wir Velvet Underground, direkt gefolgt von Bon Jovi. Ich ging noch einmal zum Buffet und holte mehr Salat mit Roten Beeten. Wir diskutierten über eingelegte Rote Beete, um nicht aufzufallen. Früher gab es in unserer niederrheinischen Heimat dann und wann Rote Beete mit Spiegelei und Bratkartoffeln, stellten wir fest. Ein vergessenes Gericht, nach dessen Verzehr zum Schluss nicht nur der Teller rosa war. Streng genommen, ein White-Trash-Gericht. Wir aßen weiter Salat, und als wir bezahlen wollten, verstand uns niemand. „Äh, we had a few mixed salads“, sagte mein mutiger Begleiter (britischer Akzent) zu der Hotpants-Frau. Die sah uns verständnislos an. Wir sind dann einfach gegangen. Esther Kogelboom

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