Berlin : Kurzmeldungen

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Die Junge Union hat zur trauten Duellschau in die „Lützow-Lounge“ des Hotels „Berlin“ geladen. Zur Begrüßung gibt es Kondome mit der Aufschrift: „Bäum dich auf! Mach dich stark! Sei schwarz!“ An den Wänden hängen zwischen Fußballertrikots und papiernen Bierflaschen gleich mehrere Fernseher und eine große Leinwand. Auf Stehtischen liegen Tüten voll Stoiber-Espresso („Der starke Schwarze mit dem hellen Kopf“) und Gummibärchen – auch rote. Die meisten Gäste sind um die 20 Jahre alt und freuen sich über die diversen Gummiprodukte. Der JU-Bundesvorsitzende Christian Wulf spricht von 130 geladenen Gästen; für mehr wäre auch kein Platz.

Schon eine Stunde vor dem Anpfiff erscheint das in Einheitskluft gehüllte, siebenköpfige Team der Neuköllner Kandidatin Verena-Butalikakis und bringt ein bisschen Frohsinn mit. Ein streunendes Fernsehteam fragt eine Blondine nach ihren Erwartungen ans Duell. Die Gefragte bringt – wohl eher vor Schreck als aus Sympathie mit dem Kandidaten – aber nur ein „Äh“ zustande.

Bei Martin Jehle hätten die Fernsehleute mehr Glück gehabt, denn der 20-Jährige vom Kreisverband Barnim hat eine Menge zu erzählen. Zum Beispiel, dass echte JU-Leute stets Auto fahren und nicht Bahn. Und, dass er Frau Butalikakis gern mal die Meinung geigen würde, weil die früher schon einmal ein Mandat gewonnen und dann nicht angenommen habe. Außerdem sei ihre Frisur „von vorvorgestern“.

Marcel Hercygier ist erst 15, aber schon Kreisvorsitzender der Schülerunion Charlottenburg Wilmersdorf. „Wenn es ums Inhaltliche geht, mache ich mir keine Sorgen – da wird Stoiber punkten können“, sagt er. Zugleich fürchtet er, „dass Schröder seinen Charme spielen lässt und Stoiber in den Hintergrund drängt.“ Aber er ist optimistisch wie alle hier.

Am Nachbartisch erklärt jemand: „Wenn Schröder ein bisschen schlechter als richtig gut ist, hat er verloren. Aber wenn Stoiber ein bisschen besser als miserabel ist, hat der gewonnen.“ Die Runde nickt interessiert. Dann beginnt sie plötzlich zu johlen, weil RTL auf dem Datenblatt dem Kanzler „eine Tochter“ gutschreibt, obwohl er die ja gar nicht selbst gezeugt hat. Wenig später lachen alle, weil der Kanzler so grimmig schaut, während ihr Kandidat strahlt wie eine Stehlampe.

Es gibt „Ho-ho-ho’s“ bei der Frage, ob Schröders ruhige Hand zu zittern begonnen habe und Gelächter, wenn er sich verspricht. Dann wiederum warten die Unionsjünger mit angehaltenem Atem auf das Ende von Stoibers Schachtelsätzen. Umso größer dafür der Freudenausbruch, als die Moderatoren den Kontrahenten nach einer halben Stunde den ersten Zwischensaldo ihrer überzogenen Redezeitkonten präsentieren: Schröder ist sieben Sekunden tiefer in den Miesen. Die Junge Union jubelt, als handele es sich schon um die erste Hochrechnung nach der Wahl.

Nur etwas später am Abend, als Stoiber dem Kanzler intensiveres Aktenstudium empfiehlt, fliegen Arme in die Höhe und zerschneiden die von Biergeruch und Zigarettenqualm angedickte Luft. Die Leute im Saal bäumen sich auf. Sie machen sich stark. Sie sind schwarz. Und sie sind stolz auf ihren Stoiber, dass sie schon bald immer mehr miteinander reden und immer weniger zuhören. Unbesorgt und unbemerkt lassen sie ihren Kandidaten allein. Sie wissen ja ungefähr, was er zu sagen hat.Stefan Jacobs

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