Berlin : Kurzmeldungen

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Und so wohnen also die Anarchos: sanierter Plattenbau, Grünblick, abgezirkelter Vorgarten. Hinterm Haus wedeln frisch gewaschene Schlüpfer auf der Leine. Das Viertel um die Johanna-Tesch–Straße und die Oberspreestraße wirkt nicht nur sauber, sondern rein – wie die Normalo-Gegend in Rudow. Aber hier wohnen Wahlanarchisten. Sie haben 1998 so abgestimmt, dass das Ergebnis in ihrem Wahlbezirk 224 am stärksten vom Durchschnitt abwich. Zwei Drittel wählten PDS, während es im Bund nur für 5,1 Prozent reichte. Für die SPD blieben 18,6 Prozent (Bund: 40,9 Prozent), die CDU 6,2 Prozent (35,1), die Grünen 3,8 (6,7) und die FDP 0,6 (6,2).

Viele wählten hier Rot, weil sie bei den Verhältnissen in Deutschland rot sehen. Gebaut wurde das Viertel vor allem für Angehörige der Schutz- und Sicherheitsorgane der DDR, also der Armee und der Stasi. Bei den „Organen“ waren auch die Männer, die sich am Vormittag vor einem der Plattenbauten unterhalten. „Die PDS ist die einzige Partei, die gegen den Krieg ist“, sagt der eine. Hört sich merkwürdig an in einer Gegend, in der das Kriegshandwerk goldenen Boden hatte. Der Begriff „Frust“ fällt nicht, aber die Worte des Mannes sagen viel: „Nach der Wende verlor ich meinen Job. Mir blieb nichts weiter übrig, als eine Stelle bei Kaufland anzunehmen, wo ich die Waren auspreisen durfte. Wissen Sie was? Ich habe einen Hochschulabschluss und arbeitete bei Prokop.“ Bei der Koryphäe der Gerichtsmedizin und Kriminalistik. Und heute? „Ich bin Rentner.“ Jetzt müsse er weiter, den Wagen in die Garage fahren. Autos parken eine Menge hier.

„Hier wohnen die Verlierer der Einheit“, sagt Reinhard Frindt. Der 58-Jährige arbeitet in einer der beiden Imbissbuden. Da gibt es immer viel zu hören und zu erzählen. Der Neuköllner Frindt hat seine Probleme mit den Verlierern, weniger politisch, als ökonomisch: „Sie meiden mich, weil ich aus dem Westen komme.“ Dabei ist es Frindt „schnurzpiepe, was die waren“. Für ihn zähle allein der Mensch – und dessen Appetit auf Pommes. Frindts Chef kaufte die Bude – ohne Detailwissen über die Nachbarschaft.

Eine gewisse Blauäugigkeit scheint ein Problem der West-Menschen zu sein. Denn auch die gebürtige Weddingerin Yvonne Mehic wusste nicht, was sie hier erwartete. Inzwischen ist sie zwar schon wieder fort, doch an die Johanna-Tesch-Straße denkt sie gern zurück. „Ich kam mit allen Nachbarn gut klar“, sagt die 42-Jährige. Sie hält ein Pläuschchen an Kiosk Numero Zwo. Das seien nette Leute im Omi-und-Opi-Alter, die den Kindern auch mal Gummibärchen zusteckten. „Hier kann man gut leben“, pflichtet ihr die 56-jährige Kioskbesitzerin Ute Awan bei. Mit Yvonne Mehic hat sie sich beim Tresenplausch angefreundet. Das war damals im anderen Kiosk, also dem, wo heute Reinhard Frindt seine Wurst brät. Der gehörte Ute Awan, bis sie ihn verkaufte und später die Konkurrenzbude eröffnete. Kapitalismus im Sozialisten-Kiez. Björn Seeling

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