Berlin : Kurzmeldungen

Der Cellist Frank S. Dodge hat den Bogen raus: Er organisiert Konzertreihen, von denen Opernhäuser nur träumen können. Und das auch noch mit Hilfe von Sponsoren.

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Von Claudia Keller

Und sie dreht sich doch! Frank Sumner Dodge widerlegt Jahr für Jahr, was unter Kulturschaffenden immer noch als Gesetz gilt: Dass wahre Kunst und Kommerz nicht kompatibel sind und dass ein echter Künstler, so einer mit Tiefgang, nicht geschäftstüchtig ist. Seit 15 Jahren spielt das Ensemble „Spectrum Concerts“ unter Dodges Leitung Kammermusik vom Feinsten, seit 15 Jahren gelingt es dem amerikanischen Cellisten, Sponsoren für Dvorák-Quintette und zeitgenössische Komponisten zu begeistern, von denen traditionsreiche Opernhäuser träumen. Wie macht er das nur?

Frank S. Dodge öffnet die Tür zu seinem Reich in einem Schöneberger Altbau mit einem Lächeln und einer leichten Verbeugung. Er reicht Tee und Zitronenplätzchen und entschuldigt sich, dass er nicht Selbstgebackenes serviert. Seine Brownies zum Beispiel, die in der Stadt als die Besten gelten. Geduldig hört er zu und geht auf alle Wünsche des Fotografen ein: mit Cello und ohne, sitzend und stehend, vor dem Spiegel oder hinter der Tür. So, als hätte man alle Zeit der Welt und als seien es nicht mehr nur vier Tage bis zur Premiere, bis zur Eröffnung der neuen Konzertreihe in der Philharmonie, nimmt Dodge sein Cello zwischen die Beine und den Bogen in die Hand und spielt. Er schließt die Augen und öffnet die Tür zu seiner eigentlichen Welt. Alles Drumherum scheint er zu vergessen. Das Cello glänzt in dunklem Braun und füllt mit seinem kraftvollen, warmen Ton die ganze Wohnung. Es ist ein ganz besonderes Cello. Gebaut wurde es 1676 von Antonio Casini in Modena. Es ist sogar älter als eine Stradivari. Dodge hat das Cello 1976 in Chicago erstanden – „meine Bank hat es für mich gekauft“. „Altes Holz schwingt besser als junges“, sagt der Liebhaber, „so wie alte Menschen. Die haben mehr zu erzählen.“

Dodge kam 1982 nach Berlin, um bei Eberhard Finke zu studieren. Da hatte er bereits Abschlüsse vom renommierten New England Conservatory of Music in Boston und von der Yale School of Music und hatte im Portsmouth Chamber Ensemble gespielt. In Europa ging es weiter im Berliner Philharmonischen Orchester, im Spanischen Nationalorchester und im Schottischen Kammerorchester. Plönggg. Plötzlich knallt es im Nebenzimmer. Dodge ist eine Saite gerissen. „Das macht die ganze Sache noch spannender. Aber es ist schon besser, wenn es hier passiert.“

1997 hat Dodge „Spectrum Concerts“ gegründet. „Ich wollte nicht dick werden“, erklärt er und meint damit das geregelte Leben eines Orchestermusikers. Lieber macht er sein eigenes Programm. Und so zeigt er nun zum 15. Mal, wie gut sich europäische Kammermusiktradition mit amerikanischer Avantgarde ergänzt. „So ausgeflippt die an der Westküste auch sind, Cage, Phil Glass – sie wurzeln doch alle in Schönberg.“

Als er hierher kam, erklärten ihn viele für verrückt: Er traf sich mit Firmenchefs und wohlhabenden Kunstfreunden und bat sie, seine Ideen mit ihrem Geld zu unterstützen. Dabei habe er nur das gemacht, was er aus Amerika nicht anders kannte. Viele würden denken, Geldeintreiben sei mit ein paar Anrufen erledigt. „Aber da gibt es so viele unsichtbare Dinge“, sagt Dodge. Und man könnte meinen, er spreche von der Zähmung einer unbekannten Tierart. Verraten will er sein Geheimnis nicht. Er lacht. Nur so viel: Er arbeite mindestens 18 Stunden am Tag, und Sponsoren bräuchten viel Vorbereitung, Pflege. In letzter Zeit sei es schwieriger geworden, sagt er, immer noch würden Vermögende zu selten gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. „Das ist ein bisschen finster.“

Dass sich dieser Mann manchmal sehr ärgert, kann man sich gar nicht vorstellen, so viel Freundlichkeit und ein bisschen Schalk strahlt er aus. Zum Beispiel darüber, dass im Berliner Kulturbetrieb alle gegen alle kämpfen, statt zusammen zu arbeiten. Oder dass so viele denken, an Kunst könne nur Spaß haben, wer die Tonarten aller Mozartsinfonien aufsagen kann. Manchmal würden sich Leute nach dem Konzert für die Musik bedanken, sagt der 52-Jährige. Dann höre er ein erstauntes „Aber ich kenne mich ja gar nicht aus mit Musik“. Sie wundern sich, dass ihnen die Nocturne von Robert Help trotzdem gefällt – „und merken gar nicht, dass sie in einer echten Liebesbeziehung sind“. Oder hat schon jemals ein Mann die Frau verstanden, die er liebt?

Heute Abend eröffnen Spectrum Concerts ihre neue Reihe mit Musik von Bartók, Ireland, Helps und Brahms. Kammermusiksaal der Philharmonie, 20 Uhr.

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