Berlin : Kurzmeldungen

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TORTENSCHLACHT

Holly’s Washhouse No. 5

Kollwitzstraße 93, Prenzlauer Berg, Tel. 46 45 63 40. Täglich 7 bis 23 Uhr.

Ein Plastikbecher Brühkaffee. Zwei Stunden harte Bank und Neonlicht. Ach, es ist ein Jammer: Muss man eigentlich immer dann in den Waschsalon, wenn Sonntag ist? Für eine Waschtheke mit angeschlossenem Café, die verspricht, die lästige Pflicht zu versüßen, nimmt man da gerne mal einen weiteren Weg auf sich. Zum Beispiel zu „Holly’s Washhouse No. 5“ in Prenzlauer Berg. Seit einiger Zeit schon zieht sie trendige Schmutzwäsche aus dem Kiez um den Kollwitzplatz an. Grund genug, neben dem Waschprogramm auch mal das Tortenangebot genauer zu probieren.

Erste Überraschung: die große begrünte Außenterrasse. Im Innenraum dann erwartet den durstigen Wäscher nicht etwa eine american bar, wie es der vermuten ließe, sondern ein veritables Café mit edlem Holz, warmen Farben und einem Strauß frischer Gladiolen. Ein freundlicher Blondschopf eilt sogleich hinter der Bar dem etwas desorientierten Erstbesucher entgegen, brauchen Sie Hilfe? Waschmarke hier rein, dann schluckt Liz brav das Waschpulver und fängt an zu arbeiten. Liz ist die vorderste Waschmaschine, ihre Kolleginnen, Gloria, Lucy und Co. ruhen sich gerade aus.

An den Wänden hängen hübsche Tafeln, auf denen die angebotenen Kaffeevariationen erläutert werden. Das sieht profimäßig aus. Der Cappuccino („mit einem Klacks Milchschaum“) kommt zwar nicht im Waschsalon-Plastikbecher daher, aber über seinen Charakter kann ihm die hübsche Porzellantasse nicht hinweghelfen: zu schwach im Geschmack, der Schaum zerfällt alsbald. Dafür lässt es sich draußen trefflich entspannen.

Der georderte Pflaumenkuchen lässt auf sich warten, die Sahne müsse noch frisch geschlagen werden, erklärt der Blondschopf. Aha, das klingt gut. Aber leider fehlt ihr dann eine Spur Geschmack. Hübsch: Die Gabel wird auf einem Extra-Teller gereicht, gebettet auf eine rote Serviette. Der Kuchen aber kommt etwas zu kühl aus der Frischhaltetheke. „Ist nicht selbst gebacken“ erfährt man später; die Pflaumen sind aber tadellos fruchtig. Und mit so einem netten Lächeln wie der Blondschopf hat schon lange keiner mehr „Guten Appetit“ gewünscht. Das sagt er nicht nur, das meint er. Später wird er noch fragen, ob er die ausgelesenen Zeitungen entsorgen soll. Das ist mehr Service, als man aus einem gewöhnlichen Berliner Café kennt.

Liz ist mittlerweile bei der Hauptwäsche. Ob der Milchkaffee besser ist als sein Vorgänger? Enttäuschung auch hier: Wo hat sich in der ganzen Milche bloß der Kaffee versteckt? Immerhin ist der Preis von 2,30 Euro angemessen. Liz ist schon beim Schleudern, aber das gefüllte Nougatcroissant (1,40 Euro) verdient noch eine Verkostung. Schließlich bietet die „täglich wechselnde Kuchenauswahl“ neben dem Pflaumenkuchen nur noch eine Mandeltorte. Aber ach, das köstliche Nougat, der schwere Blätterteig könnten ihren Geschmack so viel besser entfalten, kämen sie nicht direkt aus der Kühlung.

Liz’ Kollege Jim ist derweil schon fleißig am Wäschetrocknen. Zwei Stunden Buntwäsche sind wie im Flug vorbei gegangen, und der sonnige Sonntag auf der Terrasse war ein Genuss. Aber für eine richtige Tortenschlacht geht man wohl besser ins nahe Kollwitzviertel. Malte Meinhardt

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