Berlin : Kurzmeldungen

NAME

HINTER DEN KULISSEN

Es gibt immer etwas, was es noch nie gab. Zum Beispiel, dass das Abgeordnetenhaus am Tag vor der Wahl voll Gift und Galle zu einer Sondersitzung zusammentritt. Klar, dass sich FDP wie Grüne der Idee der CDU anschlossen, rasch noch mit dem Schreckensszenario der „Giftliste“ aus dem Hause des Finanzsenators zu punkten – zum Schaden der Koalitionsparteien. Jedenfalls ist die SPD schrecklich sauer auf Thilo Sarrazin, die PDS sowieso. Also muss Klaus Wowereit in die Bütt steigen, um die aufgeregten Gemüter wieder zu beruhigen. Aber mit Stühlen wird im Parlament garantiert nicht geworfen; sie sind festverschraubt. Nur sind die Zeiten vorbei, da am Sonnabend vor der Wahl eine feierliche Besinnungspause eingelegt wurde. Wie sagte der Kanzler? „Der Wahlkampf endet am Sonntag um 18 Uhr.“

Das hatte der PDS gerade noch gefehlt, dass der Tierpark zum Aushungern auf der Giftliste steht. Und auch CDU-Fraktionschef Frank Steffel sorgt sich um die Ossis und ihre Tiere. „Wie ist es“, fragte er seinen Parteichef Christoph Stölzl am Dienstag bei der Besprechung des Giftlistendramas im Fraktionsvorstand, „könnten Sie nicht noch ein paar große Kätzchen in Ihrem Garten aufnehmen – da Sie doch neulich ein kleines in Obhut genommen haben?“ Stölzl wiegte lächelnd sein Haupt: „Da muss ich erst meine Frau fragen.“

Viele Kandidaten müssen sich Schmierereien auf ihren Plakaten gefallen lassen. Insofern war es nichts Besonderes, dass dieser Tage an einigen Stellen in Steglitz-Zehlendorf auf dem Konterfei des CDU-Kandidaten Uwe Lehmann-Brauns ein höhnischer Aufkleber prangte: „Wir gratulieren zum 64. Geburtstag und wünschen zum weiteren Anlauf der späten Karriere Glück.“ Nur die ewigen Kampfhähne der seit Jahren zerstrittenen Südwest-CDU gingen sich sofort ans Gefieder. Lehmann-Brauns Freund Michael Braun hatte gleich Partei-Intimfeind Markus Mierendorf im Verdacht, und da er das nicht für sich behielt, sprach es sich prompt bis zu Mierendorf herum. Der schaltete empört seinen Anwalt mit der Forderung nach Unterlassungserklärung unter Androhung von Strafe ein. Anwalt Braun sah sich nun gezwungen, ebenfalls einen Kollegen mit der Abwehr des Ansinnens zu beauftragen. Auch die alte Weisheit, dass innerparteilicher Zoff das gefährlichste Gift im Wahlkampf ist, gilt wohl nicht mehr.

Alles, was in den letzten Wochen geschah, hatte mit Wahlkampf zu tun. Grünen-Fraktionschef Wolfgang Wieland, der als Wahlkreis-Kandidat in Mitte seiner Partei helfen will, aber kaum Aussicht auf ein Bundestagsmandat hat, dachte sich im Sinne friedlichen Zusammenlebens ein Grillfest mit türkischen Berlinern im Tiergarten aus. Letzten Sonntag arrangierte er das mit Hilfe seines Fraktionsgeschäftsführers Rainer Felsberg. Sie bepackten ein Cabrio mit dem Wielandschen Gartengrill, Lammfleisch, Hühnerbeinen und so weiter. Beim Zusammenräumen nach dem Picknick stellten sie jedoch fest, dass der Grill nicht unter das Verdeck des Wagens passte. Und da sie sich beeilen mussten, zu Fuß zur rot-grünen Kundgebung mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer auf dem Pariser Platz zu kommen, stellten sie den Grill fürs erste neben dem Auto auf der Wiese ab. Und abends bei ihrer Rückkehr war er weg, einfach geklaut. Wieland soll sich mit dem Gedanken getröstet haben, dass es auf diese Investition in den Wahlkampf auch nicht mehr ankommt.

Neues Spiel, neues Glück. Vorsichtshalber nahm die stellvertretende Pressesprecherin von Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) schon einen neuen Job an, den sie gleich nach der Wahl antritt. Die als Pressedame und Richterin geübte Andrea Böhnke steigt zur Pressesprecherin der Berliner Justizsenatorin Karin Schubert auf. Der Lockruf kam von Frau Schubert, die seit dem Weggang von Helmut Lölhöffel im Juli nach einer versierten Nachfolge suchte. Ihre SPD-Freundin Däubler-Gmelin bat sich nur aus, den Wechsel erst nach der Wahl bekannt zu geben. Aber in Berlin blieb noch nie lange etwas geheim. Brigitte Grunert

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar