Berlin : Kurzmeldungen

So weit ist es gekommen: „Rettet die Berliner Currywurst“ ist das Motto eines Festes auf dem Adenauerplatz. Warum und wieso? Wir haben in die Wurst gebissen

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„Und ewig lockt die Currywurscht – noch schöner ist danach der Durscht!“ An hymnischen Lobpreisungen der angeblich kultischen Berliner Kiosk-Kulinaria ist kein Mangel, wenn sich der Freund von „Botulus Aromatus Beroliniensis“ dem Adenauerplatz nähert. Am Kudamm ziehen Schwaden körnigen Currys ums Eck, vermischt mit Ketschup und Schweinsgebratenem. Die Wurst lebt, sie räkelt sich auf Grillroststäben und in heißen Pfannen, sie dampft und schwitzt und duftet: „1. Currywurstfest“ nennt sich eine Ansammlung von Ständen, in denen bis zur Sonntag-Tagesschau Damen und Herren des Fleischerhandwerks versuchen, einer prominenten deutschen Kochmütze das Gegenteil zu beweisen. Die hatte nämlich sinngemäß gesagt, dass die Curry nichts sei, worauf man in Berlin stolz sein müsste – gemein, so über die Haute Cuisine der Straßenecke herzufallen. Deshalb nennt Monika Nareyka ihre würzig-wurstige Fete „Rettet die Berliner Currywurst“. Denn nicht nur Starkoch Siebeck verbreitet Gefahr an der Wurstbude, auch die Ernährungswissenschaftler lassen das Fett triefen, und die Döner-Konkurrenz marschiert, weil sie sich mit Gemüsevitaminen tarnt. Alarm? „Quatsch“, befindet ein Wurstfreund am Stand, beißt herzhaft ins atomisierte Schweinefleisch und sagt kauend: „Det is ehmd Berlin“. Volkes Meinung kann keinem wurscht sein, in diesen Zeiten schon gar nicht, weshalb wir uns dem famosen Stand von Christine Mehling nähern, die normalerweise in der Bundesallee 200 steht, aber zum Fest der Wursterrettung zum Adenauerplatz geeilt ist, um „unser Stadtkulturerbe mit Liebe und Ehrfurcht an unsere Mitbürger weiter zu geben“. Die Frau erwärmt ihre Curry-Kunden bis nachts um Zwei. Sie brät Bockwürste in Olivenöl (andere nehmen Schmalz oder Erdnußöl), aber dann beginnt die Feinarbeit: Rote, süße oder saure, mit geheimnisvollen Gewürzen bereicherte Soße drüber, und dann noch einmal Currypulver oder Basilikum drauf: „Wir haben auch italienisch mit schwarzen Oliven, amerikanisch mit Mais, dänisch mit Röstzwiebeln und super mit ganzen Chilikörnern“, sagt Christine Mehling, die ihre Soßen selber mixt und beweist, wie sie ihr Stadtkulturerbe im Handumdrehen internationalisiert. „Von wegen eintönig, Herr Siebeck!“.

Natürlich haben wir hier auch noch Buletten und Bockwürste und die wunderbaren Thüringer Bratwürste – werden sie sich wohl gegen fremde Einflüsse behaupten? Wird eines Tages der Weißwurstäquator nach Norden wandern (und manch einer von uns ist am Ende schuld daran)? Wollen wir das hellgraue Kalbsfleisch im Darm gegen das Saftig-Braune von Schwein oder Rind vertauschen? Soll es am Ende gar kein wenig Rot mit Pfeffer und Chili mehr geben? „Es war ein Erlebnis!“ soll Harald Schmidt nach dem Verzehr eines Produkts aus Frau Christines Herstellung gesagt haben, und womöglich meinte er damit auch die liberale Toleranz, die in der Currywurst steckt: „Jeder so, wie er’s mag“, sagt die Kulturerbin, „jeder schwört auf den Wursttyp, mit dem er groß geworden ist. Und so soll es bleiben“.

Nach der dritten Wurstprobe begleitet uns ein „Currywurstsong“ zurück ins vitaminreiche Leben: Mach uns ’ne Curry, die extra scharf, und wird das Leben auch irgendwann hart, egal was kommt, wir beißen hinein, und wenn wir Glück haben – haben wir Schwein. Lothar Heinke

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