Berlin : Kurzmeldungen

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Von Claudia Keller

Sie sind wieder auferstanden: die totgesagten Wählermilieus. Zum Beispiel in Prenzlauer Berg, um die Kastanienallee herum, in sanierten Altbauten, Trödelläden und Designer-Boutiquen, Kneipen, Bars und Sushi-Stuben. Hier kann man sie förmlich atmen, diese Mischung aus alt- und neulinken Partikeln, die so typisch ist für die grüne Wählerschaft, die in der viel beschworenen Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Und in der Mitte Berlins. Es ist diese unverwechselbare Mischung aus alten Idealisten, die die Kastanien retten und die alternative Kultur, Studenten, die in den noch nicht sanierten Häusern wohnen und frisch zugezogenen Werbern, PR-Experten und Journalisten. Jeder zweite von ihnen hat Grün gewählt. 54,3 Prozent der Zweitstimmen haben die Grünen hier geholt, es ist der „grünste“ Wahlbezirk von ganz Berlin. Bei der letzten Bundestagswahl waren es noch zwölf Prozent weniger. Dafür haben damals noch vier Prozent mehr die SPD gewählt und zwei Prozent mehr die PDS. Wo sind sie hin, die PDS-Wähler? Wo kommen sie her, die grünen Nasen?

Die PDS-Fans sind weggezogen, sagt die schwangere Eva K. Sie wohnt schon seit acht Jahren in der Choriner Straße und hat auf der Kastanienallee gerade ihren dreijährigen Sohn von der Kita abgeholt. Nachdem ihr Haus vor drei Jahren saniert wurde, sind fast alle alteingesessenen Mieter ausgezogen, sagt sie. Gekommen sind Westdeutsche, viele von ihnen grüne Stammwähler. Die junge Mutter hat auch Grün gewählt, weil sie hofft, dass die Grünen mehr für die Kitas und Ganztagsbetreuung tun werden.

Die Sonne scheint kräftig an diesem Nachmittag, in einem Straßencafé genießt ein Dreißigjähriger in schwarzen Jeans, grauem Sweatshirt und Jeansjacke seinen Milchkaffee. Er sagt, dass er letztes Mal PDS gewählt hat, „aber seit Gysi weg ist, macht’s keinen Spaß mehr.“ Mit der „Frauen-Clique“ kann er nichts anfangen. Deshalb und weil ihm die Plakate gefallen haben, hat er am Sonntag Grün gewählt.

Ein Stück weiter Richtung „Prater“, sonnen sich vor dem Café „Schwarzsauer“ zwei 26-jährige Studentinnen. Auch sie haben vor sich Milchkaffee stehen. „Unter uns Frauen ist Joschka der große Star“, schwärmt die eine, „als der am Wahlabend auf die Bühne kam, schlugen alle Herzen höher.“ Schröder hingegen konnte bei ihnen nicht punkten, dennoch wollten sie der rot-grünen Regierung den Rücken stärken. Das Gesellschaftsbild von Rot-Grün sagt den Studentinnen zu, vor allem die Zuwanderungspolitik. Die grünen Politiker seien auch „irgendwie näher“. Trittin zum Beispiel wurde schon mal im Gemüseladen gesehen. Außerdem hat ihnen der Sprachwitz auf den grünen Plakaten gefallen. „Vollkommen daneben“ fanden die beiden hingegen das knutschende Pärchen auf den PDS-Tafeln. „Was hat Küssen mit Politik zu tun? Wollen die uns verarschen?“ Einen vierzigjährigen Kameramann, einen notorischen Nichtwähler, hat die Vorstellung zur Wahlurne getrieben, Westerwelle könnte Außenminister werden. Das wollte er auf alle Fälle verhindern. Er hat Grün gewählt.

Eine Französin hätte liebend gerne die Grünen unterstüzt, wenn sie hier wählen dürfte. Für sie sind die Grünen die Beschützer der vielen Parks und Bäume, deretwegen sie Berlin noch mehr liebt als Paris.

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