Berlin : Kurzmeldungen

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Zugegeben: Es mag gemütlicher sein, sich so einen Festakt im Fernsehen anzusehen. Aber auf gemütliche Weise verdient man sich keine Meriten; so war es umso verwunderlicher, dass das No-Show-Syndrom wieder einmal seinen Tribut forderte und etliche Stühle im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt frei blieben.

Vor dem Fernseher mag man vielleicht besser sehen, aber man verpasst auch etwas: Das stille Leuchten des Gendarmenmarktes in der warmen Herbstsonne, den Eindruck selbstverständlicher Ruhe, der nach all diesen bewegten Jahren über dem Platz liegt. Die Choreographie der Sicherheitsvorkehrungen verstärkt noch den Eindruck von Festlichkeit. Durch verschiedene Zugänge streben Exzellenzen und Eminenzen quer über den Platz, was sehr viel hübscher wirkt als die vorgestanzten Red-Carpet-Shows bei Glamour-Veranstaltungen. Diesmal ist der Dress-Code eindeutig: dunkler Anzug oder kurzes schwarzes Kostüm sind die Regel, andere Farben wie lindgrün die Ausnahme bei auch in modischer Hinsicht von Power geprägten Frauen wie Sabine Christiansen.

In den ersten Reihen immerhin sind die Honorationen des Staates einigermaßen vollständig versammelt. Thierse, Schröder, Fischer, Künast auf der einen Seite, Bundespräsident Rau mit Frau Christina, Altbundespräsident Scheel und hohe kirchliche Würdenträger auf der anderen Seite. Gleich dahinter Walter Momper, dessen Krawatte fast so auffallend leuchtet wie einst sein roter Schal, damals, als das Abenteuer des Zusammenwachsens begann und sich die Wunder nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung erstmal verabschiedeten, um den Mühen das Feld zu überlassen. Sophie und Giacomo und die anderen Europaschüler waren an jenem 3. Oktober vor zwölf Jahren, der mit Feuerwerk und im Freien genossenem Sekt endete, noch nicht live dabei. Dafür hatten die beim Empfang so oft gelobten Kinder den Geist des Tages mindestens in einer Hinsicht voll verinnerlicht: Man muss die Gunst der Stunde nutzen. So umkreisten sie mit sicherem Gefühl für Starqualitäten zunächst Außenminister Joschka Fischer und schafften es auch noch bis in den eigentlich gesperrten Raum, in dem sich andere Würdenträger zum Einheitsgespräch zusammengefunden hatten. Vielleicht hätten sie der Vollständigkeit halber gern auch eine Unterschrift von Helmut Kohl gehabt, aber der war nicht dabei, auch Edmund Stoiber wurde nicht gesichtet.

Die anderen Festakt-Gäste, viele Botschafter wie Dan Coats, Sir Paul Lever und Claude Martin, Protokollchef Busso von Alvensleben, Unternehmer Hartwig Piepenbrock, Lothar de Maizière plauderten noch ein Weilchen bei Spezialitäten aus deutschen Landen, Kanapees von Eisbeinsülze und Harzer Käse, bis das Leuchten draußen den Sinn auf andere Aktivitäten richtete. Bremens Staatsrätin Kerstin Kießler bekam jedenfalls Sehnsucht nach ihrem Dienstfahrrad. Derweil mag sich Bill Clinton im Anflug auf Berlin gefragt haben, ob in dieser Stadt eigentlich immer die Sonne scheint. Elisabeth Binder

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