Berlin : Kurzmeldungen

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In diesem Monat erinnert sich unsere Kirche – und mit ihr, so hoffe ich, auch eine weitere Öffentlichkeit – an einen der markantesten Vertreter des deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert, an den Präses und Bischof Kurt Scharf. Denn vor einhundert Jahren, am 21. Oktober 1902 wurde er in Landsberg an der Warthe geboren. Von 1966 bis 1977 hatte er das Bischofsamt in der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg inne, das er freilich, von der DDR ausgesperrt, nur im Westteil Berlins ausüben konnte. Aber eine bekannte Persönlichkeit war er schon zuvor. In der Nazizeit gehörte er zu denen, die unerschrocken dem Unrechtsregime Hitlers widerstanden. Als Pfarrer von Sachsenhausen hatte er damit in nächster Nähe zu tun. Für die Einheit der evangelischen Kirche wirkte er nach 1945, so gut es ging. Im Konsistorium der berlin-brandenburgischen Kirche trug er die Verantwortung für den brandenburgischen Bereich.

Als Nachfolger von Otto Dibelius wirkte er nicht nur als Bischof, sondern zuvor schon als Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche der Union von 1957 bis 1969 und der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1961 bis 1967. In herausgehobener Verantwortung hatte er den Auswirkungen des Mauerbaus in Berlin für die Einheit der Evangelischen Kirche standzuhalten. Unter seiner Verantwortung wurde 1965 die Ostdenkschrift der EKD veröffentlicht, auf lange Zeit der wichtigste Friedensbeitrag des deutschen Protestantismus überhaupt. Und Scharf blieb ein wichtiger Sprecher des Protestantismus auch nach seinem Ausscheiden aus dem Bischofsamt – beispielsweise als Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste. Umstritten war Kurt Scharf auch – nicht zuletzt, weil er seelsorgerlich wirken wollte ohne Ansehen der Person. Das hatte er schon als Pfarrer in Sachsenhausen getan; das wollte er fortsetzen. Dass er Ulrike Meinhof im Gefängnis besuchte, haben ihm manche Deutsche nie verziehen. Dass er in der Zeit der Studentenrevolte ebenso zu vermitteln suchte wie in der Zeit der Hausbesetzer, hat Anstoß erregt. Dass er den späteren Präsidenten Südkoreas, Kim Dae Jong, im Gefängnis besuchte und dafür die Last einer zusätzlichen Reise auf sich nahm, haben ihm viele Koreaner nie vergessen.

Aus guten Gründen ist vorgeschlagen worden, in Berlin eine Straße nach Bischof Kurt Scharf zu benennen. Der Bezirk Steglitz bietet sich an, wo Scharf bis zum Ende seines Lebens in der Patmos-Gemeinde regelmäßig predigte. Man hat vorgeschlagen, die Treitschke-Straße in Kurt-Scharf-Straße umzubenennen. Zwei Jahre dauert die Debatte nun schon; ich würde es sehr begrüßen, wenn die Bezirksverordnetenversammlung den hundertsten Geburtstag als Anlass für eine schnelle, klare und mutige Entscheidung nutzen würde.

Inzwischen geht es in der Hauptsache um die Frage, ob man der Straße den n Treitschke nehmen dürfe. Umstritten ist der Historiker Heinrich von Treitschke vor allem, weil er mit seinen antisemitischen Ausfällen schon in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts den Berliner „Antisemitismusstreit“ provozierte. Teile von CDU und FDP setzen sich trotzdem für den Erhalt des Namens „Treitschkestraße“ ein und meinen, man müsse den Historiker eben aus seiner Zeit heraus verstehen. Das ist immer eine gute Devise. Aber sie entlastet nicht vom eigenen Urteil. Und im übrigen war Treitschke, der Verfasser einer fünfbändigen deutschen Geschichte, nicht nur wegen seines massiven Antisemitismus sehr umstritten. Michael Blumenthal, der Direktor des jüdischen Museums, hat Treitschkes Haltung unlängst plastisch zusammengefasst: „Als extremer Nationalist war er zutiefst von undemokratischem Denken und übertriebenen Vorstellungen von der Überlegenheit deutscher Tugenden beseelt. Er war ein fanatischer Rassist, überzeugt von der Bestimmung der Deutschen, über die minderwertigen slawischen und baltischen Völker zu herrschen. Er befürwortete aggressive koloniale Expansion, und Krieg war für ihn ein Mittel dafür.“ In diese Haltung fügt sich Treitschkes skandalöser Satz: „Die Juden sind unser Unglück.“ Erfolgreich war Treitschke eben nicht nur als wissenschaftlicher Autor, sondern vor allem darin, den Antisemitismus in bürgerlichen Kreisen salonfähig zu machen. Wer auf Biegen und Brechen an diesem Namen festhält, setzt sich deshalb zumindest dem Vorwurf aus, die Folgen dieses bildungsbürgerlichen Antisemitismus zu verharmlosen. Deshalb ist es dringend zu empfehlen, jener Straße in Steglitz den Namen Treitschkestraße zu nehmen. Und es gibt erst recht guten Grund, sie Kurt-Scharf-Straße zu nennen.

Der Autor ist Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg .

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