Berlin : Kurzmeldungen

Claudia Keller

Freude und Wut: Das Stimmungsbarometer im Universitätsklinikum Benjamin Franklin zeigte gestern Nachmittag in beide Richtungen. Einer, der sich freut, ist der Kardiologe Hans Peter Schultheiss. Er sitzt in einem feinen Büro mit schwarzen Ledersesseln in der dritten Etage des Haupthauses und strahlt übers ganze Gesicht: Die Gutachter schlagen vor, seine Abteilung mit 38 Ärzten und drei Grundlagenforschern zu einem kardiovaskulären Schwerpunkt auszubauen. Kein Wunder, dass Schultheiss das Gutachten in den höchsten Tönen lobt: „Durch die Bildung von Schwerpunkten kann die Berliner Hochschulmedizin nur gewinnen.“ Er ist kaum zu bremsen in seiner Vorfreude auf das „riesige Forschungspotential“, auf die „Chance“, die Berlin bekomme, wenn man die Expertise umsetze. „Die muss man nutzen statt kleinkariert Knöpfe zu zählen.“

Zwei Stockwerke unter ihm hat Regina Jünger ihren ausladenden Schreibtisch. Sie ist die stellvertretende Verwaltungsdirektorin und sieht ziemlich gehetzt aus. Seit der Pressekonferenz um 13 Uhr jagt eine Besprechung die nächste. Was sagt sie zu dem Vorschlag der Gutachter, die Verwaltungsbereiche von Charité und UKBF zusammenzulegen? Jünger sieht die Sache gelassen. „Ich komme aus dem Osten“, sagt sie, „mit Veränderungen muss jeder leben, der arbeitet.“ Jünger ist erst einmal froh, dass die Gutachter den Universitätsstatus erhalten wollen. „Die Lehre abzuschaffen, hätte betriebswirtschaftlich auch überhaupt keinen Sinn gemacht. Denn die Lehre bringt Drittmittel.“ Das Wichtigste ist für sie, dass es bald Planungssicherheit gibt, damit diejenigen, die die Drittmittel geben, die Pharmaindustrie und die Deutsche Forschungsgemeinschaft wissen, ob sie mit Steglitz rechnen können. Und schon ist sie weg zur Sitzung mit dem Unipräsidenten.

Große Aufregung herrscht wenige Türen weiter beim Personalrat. Hektisch checken die Mitarbeiter alle fünf Minuten das Internet, wo das Gutachten zu lesen sein soll. Das Telefon klingelt permanent. Dazwischen die Personalratsvorsitzende Monika Ziegner. Sie läuft im Zimmer umher, kann gar nicht still sitzen, so „unfassbar sauer“ ist sie. Nicht über das Gutachten, sondern darüber, dass der SPD-Vorsitzende Michael Müller bereits am Sonntag mit der Aussage zitiert wurde, dass die SPD bei ihrem ursprünglichen Beschluss bleiben werde, Benjamin Franklin zu schließen, falls nicht die gewünschte Einsparsumme erbracht werde. Wie er das habe sagen können, ohne das Gutachten auch nur gesehen zu haben, ist Ziegner ein Rätsel. Jetzt befürchtet sie eine hässliche Schlammschlacht unter den Politikern, die die differenzierten Ergebnisse der Expertise unter sich begräbt.

Andreas Lüschow, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Neurologie, kauft sich statt des Mittagessens am Krankenhauskiosk einen Schokoriegel. Ja, nervös seien sie schon alle hier, sagt er. Auch die Patienten fragten ständig, was nun werde. Er hat gerade im Internet geschaut, ob die Studie schon da ist. „Ich bin sehr positiv überrascht“, sagt Lüschow. Zu jubeln traut er sich nicht. Stolz erzählt er von den 300 000 Unterschriften, von den Demos und dass die eben doch gewirkt hätten. Dann muss er weiter. Gutachten hin oder her.

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