Berlin : Kurzmeldungen

U-Boote, die aus dem Wasser springen? Eine Kollision im Nichtschwimmerbecken? Beim Treffen der Schiffsmodellbauer im Freibad Mariendorf werden maritime Träume wahr – im Zwergenformat. Nur die Funkfrequenzen dürfen dabei nicht durcheinander geraten In meiner Badeanstalt bin ich Kapitän

Andreas Conrad

Duell in der Tiefe, die Jagd beginnt. Schiffsschrauben peitschen die Wasseroberfläche, das Heulen der Motoren geht in Gurgeln über, wird jäh gedämpft, als sich die aufgewühlte Oberfläche über den davonschießenden Booten schließt. Als graue Schatten zischen sie hin und her, unvorbereitete Beobachter dürften jetzt darüber rätseln, wer um Gottes willen im Außenbecken des Kombibades Mariendorf Forellen ausgesetzt hat. Überleben die eigentlich in der Chlorbrühe? Tierquälerei so was, unerhört! Aber da wird das Gurgeln wieder heller, und eine graue Zigarre mit Heckantrieb, irgendwo zwischen Zeppelin und Torpedo, schießt an die Oberfläche.

Neue Irritation: Von Fliegenden Fischen hat man ja gehört, aber U-Boote, die dem Wasser entfliehend durch die Lüfte segeln? Na gut, sie hopsen eher, vielleicht 30 Zentimeter weit nach vorn oder senkrecht mit der Nase voran, aber immerhin. Und vielleicht gelingt es ja tatsächlich, ihnen sogar einen Metersprung beizubringen, U-Bootkapitän Frank Schultze hat so seine Träume. Beruflich ist er als Projektingenieur mit Werkzeugen zur Materialbearbeitung per Laser befasst, am Beckenrand aber kann er seinem Spieltrieb die Zügel schießen lassen. Schon plant er mit Gleichgesinnten eine Art Fuchsjagd unter Wasser, U-Boot-Verfolgungen im großen Stil mit baugleichen Schiffen, natürlich alle in Eigenbau.

16 Jahre alt war Schultze, als er sein erstes Boot zusammenleimte. Altersangaben wie diese hört man öfter, hakt man beim Treffen der Schiffsmodellbauer nach, wann diese Leidenschaft denn entstanden sei. In der Regel erlischt der kindliche Spieltrieb mit der Adoleszenz. Bisweilen aber kombiniert er sich mit Bastlerehrgeiz, technisches Interesse kommt dazu, und dann stehen Jahrzehnte später gestandene Männer am Beckenrand und legen die Hebel ihrer Fernsteuerung um. Männer wie Frank Gürn, U-Bootfahrer auch er, sonst im Bundestag mit der Sicherheit betraut, oder Computerfachmann Hans-Joachim Flöting, der allein zweieinhalb Jahre mit dem Bau eines Fischereischutzschiffes verbracht hat, alles per Hand nach Fotos und Originalzeichnungen, auf Knopfdruck sogar mit Dieselmotorgeräuschen, Schiffsglocke und Nebelhorn ausgestattet. Nur den gehäkelten Fender am Bug hat er doch lieber seiner Frau überlassen.

Zum bereits vierten Mal lädt die Interessengemeinschaft Schiffsmodellbau Berlin-Mahlow, unterstützt von den Berliner Bäder-Betrieben, zum Kapitänstreffen. Rund 100 Teilnehmer waren es im letzten Jahr, die Mehrzahl der Süßwasserkapitäne wird erst heute erwartet. Doch schon gestern gab es allerlei Maritimes im Zwergformat zu bestaunen, eine Hafenanlage, gesponsert vom Berliner Modellbaufabrikanten Wolfgang Kehrer, komplett mit funktionierendem Kran und blinkendem Leuchturm, dazu Spiel-U-Boote für die Fuchsjagd oder originalgetreu nach historischem Vorbild mit Vierlingsflak und anderem Schießzeug, Schlepper, Küstenwachtboote, und sogar ein Leichter ist dabei.

Das ist ein schlichtes Schwimmgerät zum Transport von Schüttgut, heute aber Mittelpunkt der Action. Denn immer nur im Kreis rumfahren macht auf die Dauer keinen Spaß. Also wird der Leichter heute unbefugt Giftmüll zwecks Verklappung durchs Nichtschwimmerbecken schippern, wovon aber Greenpeace Wind bekommen hat. Beim Versuch, den Schubkahn abzudrängen, kommt es zur Kollision, auf dem Leichter qualmt es gewaltig, und der Greenpeace-Kahn bekommt Schlagseite, droht zu sinken. Doch Feuerwehrboote kommen zum Einsatz, alles wird gut – sofern nicht beim funkgesteuerten Zünden der Pyrotechnik die Frequenzen durcheinander geraten. Das ist Hans-Joachim Flöting schon einmal passiert: Nur ein Ruder wollte er per Fernsteuerung bewegen, plötzlich klappte sein Garagentor auf.

Kombibad Mariendorf, Ankogelweg 95, heute 10 bis 18 Uhr, morgen 10 bis 17 Uhr.

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