Berlin : Kurzmeldungen

Ariane Bemmer

CONTRA

Das Schönste an skandinavischer Literatur ist, dass sich die Figuren immer duzen. Man ist Mensch unter Menschen und verständigt sich auch von Gleich zu Gleich. Das ist nett und kein bisschen respektlos. Sich durch spezielle Riten von anderen abgrenzen zu wollen, ist dagegen nicht nett. Es ist elitär. Es ist ja schön, wenn jemand weiß, wie, wo und wann man eine Austernzange korrekterweise ansetzt und in welcher Reihenfolge man wen begrüßt. Aber macht es die Welt schlechter, wenn das niemand weiß? Ein Benimmbuch schreibt vor, dass man nur bei Essen im privaten Rahmen „guten Appetit“ wünscht. Eine willkürliche Vorschrift, die auch noch unfreundlich wirkt. Soll man doch allen einen „guten Appetit“ wünschen, wo immer man sie essen sieht. Auch Königen sollte man einen „guten Appetit“ wünschen dürfen. Der Verzicht auf besondere Benimmregeln bedeutet schließlich nicht den Rückfall in die Barbarei. Denn das Verhalten der Menschen untereinander soll auf jeden Fall durch Rücksicht und Mitgefühl bestimmt sein. Dann bietet der Punk der Oma auch seinen BVG-Sitzplatz an. Ob er das auch macht, weil ein Knigge das vorschreibt, halte ich indes für zweifelhaft. Und für völlig egal halte ich, ob er zum freigemachten Sitz noch einen Knicks macht oder nicht. Regeln grenzen ab und Regeln grenzen aus. Je mehr Regeln, desto mehr Ausgegrenzte. Und am Ende siezt man sich sogar in der Familie wieder.

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